PoliTick: Die SPD und die Vorratsdatenspeicherung
Am 07. Dezember 2011 im Topic 'PoliTick'
Die SPD hat sich auf ihrem Bundesparteitag für die Vorratsdatenspeicherung entschieden. Die Abstimmung war zwar knapp, dann aber doch eindeutig. Das ist bedauerlich, weil es eine vertane Chance darstellt.
Vor der Abstimmung gab es eine gute Debatte mit vielen gelungenen, aber auch unsäglichen Redebeiträgen. Besonders hervorgetan hat sich aus meiner Sicht der Bonner Bundestagsabgeordnete Ulrich Kelber, der die VDS mit Ausweiskontrollen in Fußgängerzonen und dem Abfotografieren aller Autokennzeichen verglich. Von den Befürwortern kamen abgenutzte Totschlagskeulen wie Kinderpornos, Nazis und Terrorismus, die man offensichtlich nur im Internet und nirgendwo sonst bekämpfen kann. Aber immerhin sind diese Argumente noch einigermaßen stichhaltig. Dass der Staat die Daten haben darf, weil die Leute sie Google und Facebook sowieso geben, ist Quatsch. Und dass der deutsche Staat die Daten haben muss, weil die CIA sie sowieso hat, grenzt an Verschwörungstheorien. Ich habe fast eine Erwähnung der Illuminati vermisst.
Es ist wahr, Facebook und Google sammeln Daten und verkaufen diese teilweise auch. Aber zu einem gewissen Grad entscheidet der Nutzer hier selbst, welche Informationen er in (s)ein Profil einstellt und mit anderen teilt. Der Nutzer hat also einen gewissen Mindest-Einfluss darauf, welche Daten bei Google und Facebook landen. Bei der VDS gilt das nicht. Niemand weiß, welche Daten bundesdeutsche Behörden schon jetzt abrufen, speichern und auswerten. Dass Regierungsbeamte private Chat-Konversationen mitlesen oder mittels Handyortung Bewegungsprofile von Menschen erstellen könnten und das vielleicht bereits schon tun, stellt für viele zurecht eine beängstigende Vorstellung dar. Big Brother is watching you, 1984 scheint näher als man denkt.
Die Vorratsdatenspeicherung stellt alle unter Generalverdacht. Auch wenn Thomas Oppermann dies bestreitet, ist es einfach ein Fakt. Warum möchte der Staat alle Daten haben? Weil theoretisch jeder ein Verbrecher sein könnte, zumindest wenn man das Hauptargument der VDS-Befürworter ein wenig weiterdenkt. Wenn ein Staat seinen Bürgern bzw. Einwohnern mit einem solchen Grundmisstrauen entgegentritt, ist es nur verständlich, dass auch die Bürger dem Staat gegenüber argwöhnisch werden. Aber ob das der Hauptgrund für diese Datensammelwut, diese regelrechte Geilheit, alles erfassen und kontrollieren zu wollen, ist durchaus zu hinterfragen.
Schon jetzt zeigt sich, dass skrupellose Beamte mit Bayern- und Bundestrojanern sich die Möglichkeit offenhalten, sogar Mikrofone und Kameras von Computern anzuzapfen, was die Totalüberwachung einer Wohnung bedeuten würde. George Orwell drängt sich da schon wieder auf.
So sehr ich mich über die Entscheidung auch geärgert habe, ist sie letztendlich doch nur ein Stolperstein auf einem langen Weg. Neun Anträge gegen die VDS, nur einer dafür. Eine gute Debatte, bei der die VDS-Gegner klar die Mehrheit und vor allen Dingen die besseren Argumente hatten. Die Abstimmung über den Antrag war so knapp, dass sie wiederholt werden müsste, weil beim ersten Mal nicht genau zu erkennen war, wie die Mehrheitsverhältnisse sind. Wenn die Entscheidung auch ein Rückschlag war, hat sie doch gezeigt, dass Netzpolitik und die Netzpolitiker als solche in der SPD immer mehr an Einfluss gewinnen. Der Parteitagsbeschluss steht jetzt erst einmal, ist aber definitiv nicht in Granit gemeißelt. Schon auf dem nächsten Bundesparteitag kann der Beschluss kippen.
Die Netzpolitiker innerhalb der SPD sind natürlich enttäuscht, nehmen den Parteitag aber auch als Ansporn. Offensichtlich besteht noch viel Aufklärungsarbeit, weil mit Sicherheit einige nicht genau verstanden hat, welche Implikationen die VDS alle mit sich führt.
Die Piraten lachen sich einen, verstehen aber nicht, dass die SPD eben nicht die Partei der "digital natives" ist. Obwohl das Internet keineswegs neu ist, ist es für viele ältere Parteimitglieder immer noch ein neues und fremdes Medium, dem sie skeptisch gegenüber stehen. Und wenn dann das Schlagwort vom "rechtsfreien Raum" fällt, dann fühlen sie sich gleich angesprochen. Hier muss Netzpolitik ansetzen und deutlich machen, dass das Internet schon jetzt kein rechtsfreier Raum ist. Bei Twitter macht derzeit ein Tweet die Runde, dass man erst versuchen solle, sich ein deutsches Musikvideo bei YoTube anzuschauen, bevor man über den rechtsfreien Raum debattiert. Das ist absolut zutreffend, denn schon jetzt lässt die GEMA ständig Videos sperren, selbst wenn nur Sekundenschnipsel eines Songs darin enthalten sind. In einem rechtsfreien Internet wären die Videos frei verfügbar.
Ich habe mich über die Entscheidung geärgert, stehe jedoch dem Shitstorm der aus dem Piratenlager kommt, fassungslos gegenüber. Die einen wollen die SPD verbieten, andere gleich alle SPD-Mitglieder erschießen. Ich persönlich frage mich da ja, ob bei manchem Piraten die frühere NPD-Mitgliedschaft wirklich nur eine "Jugendsünde" war, mal abgesehen davon, dass es lächerlich ist, wenn 20-Jährige von Jugendsünden sprechen, wenn diese kaum zwei Jahre zurückliegen. Die Geschichte der SPD ist entweder nicht bekannt oder wird ignoriert, der Name Otto Wels ist den meisten vermutlich ein Fremdwort. Und die latente Aggressivität, wenn nicht sogar offene Gewaltbereitschaft, sollte den Piraten auf jeden Fall zu denken geben. Politische Diskussionen in einem solchen Ton zu führen, hilft nicht, wenn man tatsächlich ernst genommen werden will.
Noch mehr als diese dummen Gewaltaufrufe nerven mich jedoch Posts von SPD-Mitgliedern. Wenn da ein knapper Parteitagsbeschluss ausreicht, dass man die gesamte Partei mit Häme überschüttet und besser jetzt als gleich aus ihr austreten will, frage ich mich, was man überhaupt je in dieser Partei wollte. Schnelle Allheilmittel bietet keine Partei und ändern kann sich eine Partei nur von innen. Oft müssen dicke Bretter gebohrt werden, bevor eine Position angenommen wird. Bei der Vorratsdatenspeicherung trifft genau das zu.
Wenn man die Flinte so schnell ins Korn wirft, obwohl nur eine Schlacht, aber eben nicht der Krieg verloren wurde, um das Phrasenschwein mal ordentlich zu füttern, dann hält sich die eigene Motivation aber in sehr eingeschränkten Grenzen. Der Parteitagsbeschluss ist eine Momentaufnahme. Die Mehrheit der SPD ist offensichtlich noch für die Vorratsdatenspeicherung. Ich bin mir aber sicher, dass sich das in absehbarer Zeit ändern wird. Die Netzpolitiker müssen jetzt am Ball bleiben und mit Argumenten überzeugen. Ich persönlich habe mir jedenfalls genau das zur Aufgabe gemacht.
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PoliTick: Blog-Posts ab 12 und ab 16
Am 06. Dezember 2010 im Topic 'PoliTick'
Tja, der Jemeschtefff bzw. JMStV bzw. Jugendmedienschutzstaatsvertrag (gutes Wort für ne Partie Galgenmännchen) soll geändert werden und die Diskussion um dieses Wortungetüm bzw. dessen Inhalt, sorgt in der Twitteria und der Blogosphäre für riesige Wellen.
Man weiß gar nicht mehr, ob man kennzeichnen soll/muss/darf/kann/möchte. Und was "entwicklungsbeeinträchtigenden Angebote" ist auch wunderbar schwammig gelassen, was findigen Abmahnanwälten (die man gesetzlich verbieten sollte) neue Munition gibt, um nichtsahnende Internetnutzer finanziell auszuquetschen.
Ich nehme es jetzt erstmal mit Humor und habe zwei "Schilder" zur möglichen Kennzeichnung von Blog-Beiträgen entworfen. Das Ergebnis seht ihr hier:

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PoliTick: Ja, die SPD braucht ihre Ortsvereine!
Am 25. Oktober 2010 im Topic 'PoliTick'
Der Vorwärts hat jetzt einen Beitrag auf seiner Internetseite veröffentlicht, in dem Pro und Kontra des "traditionellen SPD-Ortsvereines" diskutiert werden soll.
Ich selbst bin absoluter Befürworter des Ortsvereines und mache auch selbst sehr gerne Ortsvereinsarbeit. Die Arbeit im Ortsverein ist Arbeit bei und an den Menschen. Da lernt man auch eine wichtige Tugend: Zuhören. Um Politik für die Menschen zu machen, muss man ihnen auch richtig zuhören und dann auf ihre Probleme eingehen. Natürlich kann und wird man es nicht jedem rechtmachen, aber mit richtigem Zuhören ist zumindest ein erster wichtiger Schritt getan.
Der Ortsverein ist das, was die meisten Menschen als Erstes von der SPD wahrnehmen. Insofern ist gerade ein aktiver und engagierter Ortsverein ein wichtiges Aushängeschild. Natürlich macht der demografische Wandel mit Mitgliederschwund und Überalterung auch nicht vor der SPD halt, andererseits habe ich in den letzten Jahren die Gründung zweier Juso-AGen im Kreis Saarbrücken-Land betreut: Friedrichsthal und Völklingen-Mitte. Derzeit begleite ich in Holz eine dritte AG-Gründung. In allen drei Orten erlebe ich interessierte und engagierte Jugendliche, die so richtig Bock haben, selbst Etwas zu bewegen. Und oft sind die Themen recht ähnlich: ein Jugendzentrum fehlt und insgesamt wird nix für Jugendliche getan. Mit dieser Prämisse hat sich 2003 auch meine eigene Juso-AG hier in Göttelborn gegründet, da wir Jusos gemeinsam mit der SPD am Ball geblieben sind, haben wir inzwischen ein Jugendzentrum.
Zuvor haben wir im schwarzen Quierschied die Bürgermeisterwahl gewonnen und zwei Jahre später stellt die SPD auch die Ortsvorsteher in Quierschied und Göttelborn und die SPD ist zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg stärkste Fraktion.
Ein großer Teil dieses Erfolges ist den Jusos zu verdanken. Die AG-Gründung hat sehr viel Dynamik in einen eigentlich schon fast eingeschlafenen Ortsverein gebracht. Der Wahlkampf macht Spaß, gerade, wenn er ungewöhnlich ist. Faschingswägen mit viel Liebe zum Detail bauen und dann als Rathausstürmer oder als Ortsrats-enternde Piraten (unabhängig von der Partei, die glaubt, das Internet mit dem goldenen Löffel gefressen zu haben) das Faschingspublikum aufheizen, ist eine Sache. Aus alten Konservendosen mit gelbem und schwarzen Lack Atommüll zu basteln ist eine weitere Facette. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion mit Kreidespray "SPD wählen!" im ganzen Ort auf die Fußgängerwege zu zaubern, ist ein weiterer Punkt.
Aber auch die Tatsache, dass SPD und Jusos inzwischen auch außerhalb des Wahlkampfes stattfinden. Ob Gauditurnier, Ein Dorf spielt Fußball oder Ortspokalschießen - wir sind dabei. Auch bei der Frühjahrsputzaktion "Saarland Picobello" sammeln wir Müll und säubern jedes Jahr Spielplätze. Zum Saint Patrick's Day wird im März gemeinsam mit einer Irish-Folk-Band ein Konzert veranstaltet und damit auch kulturell etwas geboten. Auch beim Dorffest oder Weihnachtsmarkt sind wir dabei, da gibt's dann zu den Cocktails die beliebten SPD-Knautschis und zum Glünhwein Informationen zum Welt-AIDS-Tag. Politische Inhalte kann man nämlich auch beiläufig vermitteln.
Aktive Mitgliederbetreuung hat inzwischen auch den Ortsverein wieder auf Vordermann gebracht. Regelmäßig wird in einem Mitgliederbrief über vergangene Aktionen informiert und auf kommende Termine hingewiesen. Seitdem ist auf Mitgliederversammlungen und bei Infoständen wieder was los. Wenn die Partei Interesse an den Mitgliedern zeigt, zeigen die auch Interesse an der Partei. Weitere Ideen, um "meinen" Ortsverein weiter zu verbessern, habe ich noch einige, die ich bei der nächsten Mitgliederversammlung vorstellen werde. Eintritte gab es bei uns in den letzten Jahren nur "per Papier", weshalb ich bei Veranstaltungen grundsätzlich immer entsprechende Mitgliedsanträge bei mir habe. Ein Nachteil des Online-Eintritts: Es dauert ewig, bis dieser verarbeitet wird und noch ewiger, bis dann die zuständige Gliederung, sprich: der Ortsverein, die Nachricht über den Zuwachs erhält. Wenn der Mitgliedsantrag jedoch per Post in die Saarbrücker Talstraße geht, dort befindet sich die hiesige "SPD-Zentrale", dann vergeht meistens noch keine Woche und derjenige ist erfasst und kann seine Mitgliedsunterlagen überreicht bekommen.
Als positiv hat sich gerade in der Juso-AG die Möglichkeit erwiesen, auch "Nur-Juso-Mitglied" werden und als solches mitarbeiten zu können. Einige haben sich dann nach ein, zwei Jahren dazu entschieden, auch der SPD beizutreten. Eine weitere interessante Möglichkeit ist die auf ein Jahr beschränkte Probemitgliedschaft in der SPD. Ich konnte zwar selbst noch keine Erfahrungen damit machen, halte die Idee aber für eine gute.
Auch die Mitgliederversammlung, auf der wir die bundesweite Ortsvereinsbefragung bei uns durchgeführt haben, war gut besucht. Tenor: Ja, wir wollen zukünftig weitere Ortsvereinsbefragungen. Nein, wir wollen keine Mitgliederbefragungen. Befragungen über's Internet wurden ebenfalls abgelehnt.
Es ist ein Irrglaube vieler Netz-Affinen, dass schon bald Politik nur noch über das Internet ablaufen wird. Viele Menschen suchen stattdessen eher das direkte Gespräch mit den Parteipolitikern vor Ort. Internetseiten der Ortsvereine gehören dazu und Twitter ist auch nicht verkehrt. Aber wirklich davon auszugehen, dass man mit Twitter großartig Kommunalpolitik machen kann, wenn aus dem entsprechenden Ort gerade mal zwei Menschen bei Twitter angemeldet sind, was hier in Göttelborn der Fall ist, ist völliger Quatsch und ein bisschen realitätsfremd. Das Internet kann die Willensbildung und die Diskussion unterstützen, aber sie kann keine Veranstaltungen vor Ort ersetzen.
Und genau da zeigt die SPD Saar in den letzten Jahren einen guten Ansatz. Im Landtagswahlkampf besuchte Heiko Maas mit der Tour "Ein Abend mit Heiko Maas" ALLE saarländischen Gemeinden und diskutierte mit den Anwesenden in stets restlos gefüllten Sälen. Aktuell tourt der Landtagsabgeordnete Ulrich Commercon mit der Veranstaltung "Macht Bildung" durch das Saarland, auch hier sind die Diskussionen gut und die Säle ordentlich gefüllt. Geplant und organisiert werden diese Veranstaltungen gemeinsam mit den Ortsvereinen, von denen es im Saarland noch sehr viele gibt. Und dank sehr vieler Juso-AG-Gründungen in den letzten Jahren, erst kürzlich hat sich der Stadtverband Dillingen gegründet, wird das Potential auch nicht ausgehen, wenn man es richtig nutzt.
Wichtig dafür ist aber auch, dass junge Menschen ernstgenommen werden, wie oben bereits bei dem Thema Jugendzentrum angesprochen. Dazu gehört auch, dass die SPD jungen Menschen die Chance bietet, sich auch in "hohen" Vorstandsposten oder auf vorderen Listenplätzen zu beweisen. Dadurch wird man dann als Partei auch wieder für jüngere Wähler interessanter, wenn die Gleichaltrige auf den Kandidatenlisten entdecken.
Fazit: Die SPD muss zunächst die Menschen ernst nehmen, die eigenen Mitglieder sowieso und diese auch ordentlich und informativ betreuen, erst dann kann auch Mitgliederwerbung stattfinden. Wahlkampf ist wichtig, gerade auch mit neuen und kreativen Ideen, aber die SPD muss vor allen Dingen auch dann erkennbar stattfinden, wenn kein Wahlkampf herrscht. Und genau das kann eigentlich nur mit Ortsvereinen funktionieren, wenn sich vor Ort Menschen für die SPD engagieren. Deshalb braucht die SPD auch weiterhin ganz, ganz dringend ihre Ortsvereine.
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PoliTick: Das ist Twitter, liebe SZ.
Am 24. August 2010 im Topic 'PoliTick'
Die Saarbrücker Zeitung hat mit ihrem heutigen Artikel über "Twitter" den Vogel, um genauer zu sein, den Twitter-Vogel abgeschossen. Statt ernst zu nehmendem Journalismus, gründlicher Recherche und kritischer Analyse besteht der entsprechende Artikel nur aus polemischer Meinungs- und Stimmungsmache. Der Tenor: Twitter umfasst nur Belangloses und/oder verbale Knüppeleien verfeindeter Politiker. Das ist nicht nur verkürzt, das ist schlichtweg dumm und vor allen Dingen: gelogen. Von einer seriösen Regionalzeitung erwarte ich mehr als aus dem Zusammenhang gerissene Zitat im Verbund mit offensichtlichen Lügen, aber ob "seriös" ein Adjektiv ist, dass jemals zur Saarbrücker Zeitung gepasst hat, sei dahingestellt.
Das, was ich als zwitschernder Kommunalpolitiker tagtäglich bei Twitter erlebe, ist eine ganz andere Welt. Natürlich gibt es bei Twitter viel Belangloses. Gerade vor ein paar Tagen erst konnte alle Welt davon erfahren, dass ich im SNES-Spiel "Final Fantasy VI" kurz vor dem finalen Kampf gegen den dortigen Endgegner "Kefka" stand. Manch einen mag das genervt haben, manch einer wird es ignoriert haben, von anderen kamen sogar unterstützende Antworten, die mir viel Glück bei diesem finalen "Kampf" gewünscht haben. Das ist Twitter.
Aber ich berichte bei Twitter auch viel über meine politischen Aktivitäten. Da wird die Ortsratssitzung zusammengefasst und bewertet oder per SMS live von der Juso-Landeskonferenz berichtet oder zu kommenden Veranstaltungen eingeladen. Und auch der eine oder andere Kommentar über die eigenen GenossInnen wird auf 140 Zeichen gebracht. Ich bin zwar in der SPD, muss aber noch lange nicht jede Meinung jedes Parteimitgliedes teilen. Und manche Hinterbänkler würden als Parlamentsneulinge wirklich mal besser die Klappe halten, statt sich selbst zu inszenieren. Auch das ist Twitter.
Ich habe bei Twitter auch schon interessante Diskussionen mit Mitgliedern anderer Parteien geführt. Ob SPD (Ulrich Commercon, Jörg Aumann, Christian Petry), CDU (Armin König, Roman Baltes, Alwin Theobald), FDP (Patrick Saar), Grüne (Elisa Schütze) oder Linke (Nils Exner) - das Spektrum der saarländischen Polit-Twitterer ist ebenso bunt wie das der Parteienlandschaft an sich. Vom Quierschieder Gemeinderatsmitglied über den Illinger Bürgermeister und dessen Beigeordneten zum Saarbrücker Landtagsabgeordneten finden sich bei Twitter sehr viele Inhaber politischer und öffentlicher Mandate. Und gerade bei kommunalpolitischen Themen zeigt sich auch hin und wieder, dass die Differenzen zwischen Parteien und Politikern gar nicht so groß sind, wenn tatsächlich das Wohl des Ortes und seiner Einwohner im Fokus stehen. Man verliert auch eventuelle Berührungsängste gegenüber Menschen, die politisch anders "ticken" als man selbst, wenn man solche Gemeinsamkeiten entdeckt. Zumindest geht das mir so, wenn ich mal wieder mit einem CDU- und einem Linken-Mitglied gleichzeitig einer Meinung bin. Und natürlich gibt es auch politische Differenzen und manchmal wird auch mit etwas härteren Bandagen gekämpft, sonst wären wir ja alle in einer Partei. Und auch das ist Twitter.
Es ist schade, dass die Saarbrücker Zeitung diese positiven Aspekte von Twitter ausblendet, verschweigt und somit das echte Bild bewusst verfälscht. Die Saarbrücker Zeitung bringt sich selbst auch um die Möglichkeit, Twitter aktiv als Informations- und Kommunikationsmedium zu nutzen. Da sind die Kollegen von newsecho.de schon den entscheidenden Schritt weiter und zeigen, wie ein vernetzter Nachrichtendienst der Zukunft aussehen kann. Das ist Twitter.
Twitter ist eine interessante Mischungs aus Informationsquelle, Kommunikationsplattform, Diskussionsforum, Debattierclub, Selbsthilfegruppe, Comedybühne und vielen weiteren Dingen. Das alles ist Twitter. Jedoch ist Twitter eindeutig nicht, was die SZ daraus zu machen versucht.
Zwei gute und unbedingt lesenswerte Kommentare zum SZ-Artikel haben der twitternde Illinger Bürgermeister Armin König und die twitternde Eppelborner Unternehmerin Andrea Juchem verfasst. Auch dort wird gezeigt, was Twitter ist - und was eben nicht.
EDIT: Inzwischen haben auch der 1. Beigeordnete der Gemeinde Illingen, Christian Petry, und Blogger Jürgen Botschner ihre Kommentare zum SZ-Artikel abgeben. Beide sehr lesenswert.
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PoliTick: Ein paar Gedanken zur Rente mit 67
Am 18. August 2010 im Topic 'PoliTick'
Ich wollte mich ja eigentlich gar nicht zu dem Thema äußern, muss jetzt aber doch meinen Senf dazugeben. Es geht um die Rente mit 67. Im Gegensatz zu vielen meiner GenossInnen befürworte ich die Rente mit 67. Warum? Die Menschen werden dank aller medizinischen und auch ernährungstechnischen Fortschritte immer älter und bleiben auch immer länger gesund. Auf lange Sicht muss, meiner Meinung nach, deshalb eine allmähliche Anhöhung des Renteneintrittsalters erfolgen.
Darüber hinaus verschiebt sich der berufliche Werdegang immer weiter nach hinten. Haben viele früher schon mit 16 (teilweise sogar schon mit 15) ihre Lehre angefangen, so beginnen heute viele eine Ausbildung erst mit 18 oder eben noch später. Mein Bruder ist 20 und fängt jetzt erst eine Ausbildung an, da er nach der Realschule lieber weiter die Schulbank gedrückt hat und zur FOS für Technik gegangen ist. Ein guter Freund von mir hat seine Ausbildung, ebenfalls nach Realschule und FOS, erst mit 21 begonnen. Auch dieser Entwicklung muss begegnet werden.
Natürlich kann dies nicht pauschal erfolgen. Körperlich fordernde Berufe, in denen mit ganzem Kraftaufwand "malocht" wird, müssen eine Ausnahme sein. Als Sohn eines Betonbauers und Spross einer Bergmannsfamilie weiß ich, dass Menschen in diesen Berufen einfach nicht bis 67 arbeiten können. In anderen Berufen kann ich mir das jedoch durchaus vorstellen.
Allerdings muss sich dazu auch etwas in der Gesellschaft ändern. Jemand kann z.B. auch mit 67 noch in einem Bauunternehmen arbeiten, wenn er nicht an der "vordersten Front" eingesetzt wird und sich Knochen und Gelenke zerschinden muss, sondern, wenn er seine Erfahrung in der Planung von Bauvorhaben oder in der Ausbildung junger Menschen einbringen kann. Ich persönlich habe großen Respekt vor der Lebens- und Berufserfahrung älterer Menschen. Und ich bin überzeugt davon, dass viele Unternehmen und die Arbeitswelt allgemein sehr viel von dieser Erfahrung profitieren könnte.
Ich bin auch dafür, die Diskussion fairer zu führen. Wenn der DGB Saar Postkarten verteilt, auf denen ein Rollstuhlfahrer zu sehen ist mit dem Spurch "Opa fährt zur Arbeit", dann ist das zwar bewusst provokant, entspricht jedoch nicht unbedingt dem, was wirklich geschehen wird bzw. soll. Auch die Gewerkschaften müssen sich den oben genannten soziologischen Veränderungen der heutigen Lebenswirklichkeiten stellen - derzeit werden diese noch sehr gerne ausgeblendet. Ich bin ein absolut überzeugter Unterstützer der (DGB-)Gewerkschaften, aber bei diesem Punkt bin ich einer entschieden anderen Meinung.
Im Übrigen stelle ich bei der Diskussion um die Rente mit 67 auch immer wieder einen Generationenkonflikt fest. Während gerade Menschen zwischen 40 und 50, die von der Gesetzgebung überhaupt nicht und wenn, dann nur in einem geringen Maße betroffen sind, sich auf das Massivste aufregen, teilweise auch recht künstlich, stehen viele junge Menschen in meinem Alter dem Thema recht geschlossen gegenüber - obwohl sie ja am Ehesten davon betroffen sind.
Bevor jedoch das gesetzliche Renteneintrittsalter angehoben wird, muss erst ein Mal das de-facto-Renteneintrittsalter erhöht werden, das derzeit bei 62 liegt. Ansonsten ist die Rente mit 67 nämlich wirklich das, was ihr oft genug vorgeworfen wird, eine Rentenkürzung durch die Hintertür. Und das lehne ich natürlich ab.
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PoliTick: Über Respekt
Am 13. Juli 2010 im Topic 'PoliTick'
"Jugend braucht Freiräume" lautet das Motto von JUZ United e.V., dem Verein saarländischer Jugendzentren in Selbstverwaltung, mit dem gemeinsam nach über zehn Jahren Durststrecke endlich wieder ein Jugendzentrum als Anlaufstelle für die örtlichen Jugendlichen enstanden ist.
Dieses Jugendzentrum ist selbst verwaltet, der Verein Jugendzentrum Göttelborn e.V., dessen Kassenwart ich bin, hat die Verantwortung für das JUZ übernommen. Dies ist eine sehr große Herausforderung - alle Beteiligten sind jedoch gerne bereit, sich ihr zu stellen, denn schließlich sind Herausforderungen dazu da, gemeistert zu werden.
Dem Ganzen gingen mehrere Versuch voraus, das Jugendzentrum, das früher in einem Raum der katholischen Kirche bestand und wegen einer Kleinigkeit geschlossen wurde, wieder aufleben zu lassen. Die katholische Kirche in Göttelborn wäre heute nur noch bereit, ein solches JUZ bis zum Alter von 11 anzubieten. Eine Farce. Wenn man vom Englischen ausgeht, ist man erst mit dreizehn ein Jugendlicher bzw. ein "teenager" - und eben nicht mit 11. Da ist doch eher die Ganztagsbetreuung der Grundschule zuständig.
Auch bei der IKS bestand Interesse, jedoch waren die angebotenen Räume eher suboptimal, darüber hinaus liegt das Grubengelände dann letztendlich doch auch zu weit außerhalb für ein Jugend-Zentrum.
Bislang hielten sich die Jugendlichen deshalb meistens im sogenannten "Konzertwald" auf, da sie sonst keinen Raum für sich hatten. Wenn dann mal etwas Müll rumlag oder Gassigeher sich durch jugendliche Gespräche in ihrer Seelenruhe gestört sahen, war das Geschrei schnell groß. Respekt fordern viele ältere Menschen, einige sind jedoch nur selten oder gar nicht dazu bereit, auch jugendlichen Menschen den nötigen und gebührenden Respekt zuzugestehen.
Respekt- und Verantwortungslosigkeit sind dementsprechend zwei Dinge, die von (vermeintlich) Erwachsenen Kindern und Jugendlichen immer schnell vorgeworfen werden. Doch man sollte auch vor der eigenen Haustür kehren... oder den Balken im eigenen Auge bemerken.
Vor ein paar Jahren lief der damalige (und inzwischen zum Glück abgewählte) Göttelborner Ortsvorsteher im Ort herum und verbreitete das Gerücht, er hätte zwei gewisse junge Mädels beim Kiffen in der Grundschule beobachtet - dumm nur, dass die beiden zu genau diesem Zeitpunkt an einer Juso-Sitzung in Fischbach teilnahmen. Als vermeintliche "Respektsperson" Respekt verlangen und gleichzeitig respektlose Lügen verbreiten - wie geht das zusammen?
Von einer Genossin aus meinem SPD-Ortsverein bekam ich schon mehrfach zu hören, wir Jusos müssten doch (auf dem Dorffest) mehr für die Alten machen. Da frage ich mich: Warum? Wir als Jusos sind die Jugendorganisation der SPD in Göttelborn und vertreten deshalb auch genau diese Interessen - für die der "Alten" ist die AG 60Plus zuständig. Die Interessen der Jugendlichen kennen wir als junge Menschen natürlich, wir würden uns jedoch nie anmaßen, die der "Alten" zu kennen. Darüber hinaus: Wie sollen wir auf dem Dorffest überhaupt großartig etwas für die Alten machen, die es naturgemäß sowieso schon zum Kaffee und Kuchen beim Karnevalsverein zieht? Wir möchten das auch gar nicht, sondern richten usnere Cocktails lieber an unser Stammpublikum, die junge Generation. Im Übrigen scheint mir das Ganze auch etwas mit dem Verschieben des Problems zu tun zu haben. Wenn SPDler die Verantwortung für die ältere Generation an die Jusos abschieben, dann stimmt etwas nicht. Das ist dann respektlos sowohl uns als auch der älteren Generation gegenüber.
Ein weiteres Phänomen, das für mich mit Respekt zusammenhängt, macht mich immer wieder stutzig. Ich habe schon immer hier im Ort alle Menschen mit einem "Guten Tag" gegrüßt, ob ich sie nun kannte oder nicht. Gerade bei älteren Menschen ist es mir jedoch schon mehrfach passiert, dass keine Erwiderung kam, sondern dass ich geradezu ignoriert wurde. Ich bin ein Mensch, der sehr höflich ist. Ich grüße deshalb z.B. auch stets alle Busfahrer, da ich der Meinung bin, dass sie sich diese Anerkennung für die Ausübung ihres nicht immer leichten und sehr verantwortungsvollen Berufes verdient haben.
Ich finde es von diesen älteren Herr- und Damenschaften mehr als respektlos und unhöflich, dass sie meinen Gruß einfach so bewusst ignorieren. Und ich habe so die Vermutung, dass genau diese Leute sich, ihrer selektiven Wahrnehmung entsprechend, bei anderen über die ach-so-bitterböse "Jugend von heute" beschweren. Sei's drum...
Es freut mich, dass die Jugendlichen Göttelborns jetzt endlich einen Ort für sich haben, an dem sie sich frei entfalten und ihren Interessen nachgehen können. Dieser Ort steht auch Interessierten aus der älteren Generation gerne offen und hier können sie sich auch davon überzeugen, dass man die Jugendlichen gar nicht alle über den Kamm der Respektlosigkeit scheren kann.
Im Übrigen ist für das JUZ auch eine Zusammenarbeit mit dem Pensionärsverein Göttelborn im Rahmen einer "Hausarbeitenbörse" geplant. Die älteren Menschen können Arbeiten, die sie nicht mehr erledigen können, aufschreiben und jemand von den JUZ-Jugendlichen führt sie dann (vlt. gegen ein kleines Taschengeld) durch. So gewinnen mit Sicherheit beide Seiten (mehr) Respekt vor einander.
Fazit: Respekt muss man nicht nur für sich selbst einfordern, sondern man muss auch respektvoll gegenüber anderen sein. Jemandem aufgrund seines Alters keinen Respekt zu zollen, ist auch eine Form der Diskriminierung - das sollte man sich vlt. mal bewusst machen, bevor man sich über die Respektlosigkeit der Jugendlichen beklagt, die einem im Eulenspiegel die eigene Respektlosigkeit vor Augen führt.
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PoliTick: Demografie und neue Herausforderungen
Am 10. Juli 2010 im Topic 'PoliTick'
Demografie - so nennt sich das Schreckgespenst, das in den letzten Jahren für jedes Problem verantwortlich ist oder zumindest dafür verantwortlich gemacht wird. Die Deutschen bekommen zu wenig Kinder, deshalb wird und muss es gesellschaftliche Veränderungen geben.
Heute Abend war ich auf einer Versammlung der evangelischen Kirchengemeinde Wahlschied-Holz, zu der (warum auch immer) Göttelborn mit dazugehört. Thema war dort die angespannte Finanzlage der Kirchengemeinde, die aufgrund der demografischen Entwicklung (immer mehr alte Gemeindemitglieder sterben, es kommen nur wenig junge nach) zukünftig noch schlimmer werden wird. Um dem entgegen zu wirken, hat das Presbyterium eine Gebäude-Analyse durchführen lassen - immerhin leistet sich die verhältnismäßig kleine Kirchengemeinde drei Kirchen, ein Pfarrhaus, ein großes Gemeindehaus sowie eine Kindertagesstätte. Insbesondere die drei Kirchen stellen dann, auch nach Meinung der beauftragten Experten, eben doch ein wenig zu viel Luxus dar.
Ein Vorschlag, der kaum überraschte, besteht darin, die evangelische Friedenskirche in Göttelborn zu verkaufen oder sonstwie loszuwerden. Aktuell findet dort ein einziges Mal im Monat an einem Sonntagmorgen ab 9:00 Uhr der Gottesdienst statt. Wenn dann neben Pfarrer, Organist und Küsterin drei weitere Personen erscheinen, ist das schon ein voller Erfolg. Ich selbst gehe höchstens mal zu Weihnachten in den Gottesdienst - das gebe ich auch gerne zu.
So leid es mir um die Kirche, von der ich nur zwei Häuser entfernt wohne, tun würde, so sehr bin ich dann doch Realist bzw. Skeptiker. Und deshalb habe ich nach der Versammlung mir und anderen die Frage gestellt: Warum sollen wir diese Kirche erhalten? Und für wen? 18.000 € jährlich (und ein Investitionsstau von 120.000 €) für 3,5 Personen im Monat, 42 Personen im Jahr? Ein klares: Nein! Dann soll dieses Geld doch bitte besser und sinnvoller in die Kita in Wahlschied gesteckt werden, die Kinder profitieren eher davon.
Die evangelische Friedenskirche ist jetzt 43 Jahre alt, erst vor drei Jahren haben wir das 40-jährige Jubiläum groß gefeiert. Schon damals war abzusehen, dass es mit dieser Kirche auf lange Sicht nicht weiter gehen wird. Wie auch, wenn die Alten nicht und die Jungen nicht nachkommen?
Von den derzeitigen KonfirmandInnen ist meine Schwester die einzige aus Göttelborn - und die lässt sich lieber in Fischbach konfirmieren, weil dort all ihre Freundinnen sind.
Auch das zeigt ein Problem der Kirchengemeinde: Göttelborn gehört zur Gemeinde Quierschied, die restlichen Teile der Kirchengemeinde gehören zur Gemeinde Heusweiler. Außer dieser zufälligen Kirchenbezirksgrenze verbindet uns Göttelborner nichts mit Wahlschied, noch weniger mit Holz. Die fiktive Kirchenbezirksgrenze ist, meiner Meinung nach, mehr als merkwürdig und hat sich als anachronistisch erwiesen. Stattdessen wäre es wesentlich sinnvoller, Göttelborn in die Kirchengemeinde Quierschied-Fischbach einzugliedern, immerhin gehören wir verwaltungstechnisch zur Gemeinde Quierschied (wenn wir auch die Illinger Telefonvorwahl haben und in Merchweiler einkaufen) - das wäre wesentlich sinnvoller und praktikabler. Die Gemeinde Quierschied-Fischbach hat zwar auch kein Geld und schließt selbst eine Kirche, die in Quierschied, aber egal.
Ich sehe nicht, wie man das Problem der Demografie lösen könnte. Wir werden in einer immer säkulärer werdenden Gesellschaft die Menschen, insbesondere die jungen, wohl kaum dazu bekommen, in die Kirche einzutreten. Da leidet die Evangelische Kirchengemeinde Wahlschied-Holz am gleichen Strukturproblem wie der Kaninchenzuchtverein Göttelborn, der auch keine jungen Mitglieder mehr bekommt, weil heute kein junger Mensch mehr Kaninchen züchten will. Eines als Haustier halten vielleicht noch - aber eine Zucht eröffnen? Das ist dann doch Bauernhofromantik von vorgestern, die heute nur noch ein sentimentales Lächeln hervorrufen kann. Das soll nicht heißen, dass die Kirchengemeinde ein Kaninchenzuchtverein ist (oder umgekehrt), aber beide leiden an dem selben Problem: Junge Menschen interessieren sich heute für andere Dinge als vor vierzig Jahren. Weder Religion nach Kaninchenzüchten wecken heute noch großartiges Interesse, dafür haben Fuß- und Volleyball, Karnevalsverein und das JUZ einen stetigen Zulauf, weil sie auf Dauer für junge Menschen interessant bleiben. Der Ski- und Wanderclub sowie die vielen Tennisvereine haben wiederum das Problem, dass ihre große Zeiten lange vorbei sind - da ändert auch Benny Becker nix dran.
Ich will hier auch niemanden verurteilen und fände es auch falsch, wenn das von Seite der Betroffenen passieren würde. Wenn die Jugendlichen sich heute nicht mehr für Tennis, Religion oder Kaninchenzüchten interessieren, dann darf man nicht nur über die Jugendlichen schimpfen. Stattdessen sollte man sich auch mal auf sie einlassen. Vielleicht spielt ja keiner Tennis mehr, weil der Verein nur noch aus Auswärtigen besteht und sich insgesamt ziemlich elitär und hochnäsig gibt. Mit Champagner am selbst-isolierten Dorffeststand imponiert man Jugendlichen mit Sicherheit nicht. Und mit langweiligen Gottesdiensten auch nicht. Tennis für Jedermann und lockere Jugendgottesdienste bringen dagegen evtl. mehr Jugendliche dazu, mal vorbeizuschauen. Für den Kaninchenzuchtverein weiß ich jetzt gerade selbst keine Lösung, ein solches "Hobby" (sofern man es überhaupt als solches bezeichnen kann), ist extrem aufwändig, zeitintensiv, teuer und erfordert sehr viel Verantwortung von einem jungen Menschen - vlt. würde man manch einen schlichtweg damit überfordern und ohne eigenen Garten geht das sowieso nicht.
Ich bin bei diesem Thema auch für Zusammenarbeit, wenn nicht sogar für Zusammenschluss. Wenn der Tennisclub auf lange Sicht selbst nicht überlebensfähig ist, sollte er vlt. darüber nachdenken, sich mit dem Sportverein zusammenzuschließen und als Sparte Tennis des Sportvereines weiter zu existieren. Damit gibt man natürlich Selbstständigkeit auf, sichert aber die Überlebensfähigkeit. Bei der Kirche ist das nicht ganz so einfach, aber warum arbeitet man nicht stärker mit der katholischen Kirche zusammen (oder versucht es zumindest) und führt mehr ökumenische Gottesdienste durch. Warum nicht sogar mit der sehr offenen und integrationswilligen türkisch-islamischen Gemeinde hier in Göttelborn. Wir wissen schließlich spätestens seit Lessings berühmter Ringparabel, dass die drei großen Religionen letztendlich so viel nicht unterscheidet. Vlt. ja auch mal ein ökumenischer Jugendgottesdienst im JUZ - mit Gitarre und Gospel.
Wenn man jedoch nur im eigenen Saft schmort, dann wird man irgendwann ungenießbar. Dies gilt auch für Parteien. Wenn ich von den GenossInnen aus meinen Vorstand höre, dass wir vor zwanzig Jahren auch ohne Infostand gewonnen haben, dann muss ich mich doch beherrschen. Da hat manch einer den Schuss nicht gehört. Heute ist nicht mehr vor zwanzig Jahren, Menschen interessieren sich für andere Dinge und müssen auch anders angesprochen und anders interessiert werden als dies vor zwanzig Jahren der Fall war. Und natürlich gewinnt man auch mit einem simplen Infostand keine Wahl - da hilft es schon eher, alle Göttelborner Haushalte zu besuchen, wie wir dies im letzten Jahr getan haben. Dass die SPD durch die Jusos inzwischen auf dem Dorffest, dem Weihnachtsmarkt, dem Gauditurnier, dem Ortspokalschießen, etc. omnipräsent ist, schadet bestimmt auch nicht. Und dass wir örtlichen Bands und Künstlern eine Plattform für ihre Auftritte bieten und somit etwas für die (Dorf-)Kultur tun, gab es so bis vor ein paar Jahren auch nicht. Ein Seminar der SPD Saar trägt den sehr guten Titel "Neue Veranstaltungsformen braucht das Land" - so ist es! Und das trifft von der Partei über die Kirche bis zum Tennisclub auf alle Vereine und Vereinigungen zu.
Mein Aufruf an die Vereine lautet deshalb: Seid mutig, geht neue Wege, macht euch interessant. Wenn Dinge "schon immer so waren" (*kotzwürg*), sind sie zu 90 % schlecht und MÜSSEN geändert werden! Damit kann man nicht jeden Verein retten. Manch ein Verein passt jedoch vlt. auch gar nicht mehr in die heutige Zeit - das ist zwar schade, aber die Menschen ändern sich eben. Und dann tritt man vlt. doch lieber in Würde ab, statt sich als Vereinigung der Miesepeter zu verewigen.
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PoliTick: Ich bin ein Schengenkind
Am 14. Juni 2010 im Topic 'PoliTick'
Dieser Text hier ist bereits etwas älter (geschrieben im Oktober 2008) und liegt dementsprechend schon seit einiger Zeit auf meinem Rechner, doch heute ist der perfekte Zeitpunkt, ihn zu veröffentlichen, denn genau heute vor 25 Jahren wurde das Schengener Abkommen unterzeichnet, dass freien Personen- und Warenverkehr in den Mitgliedsstaaten garantiert und Zollkontrollen obsolet macht. Die Nachricht vom 25-jährigen Jubiläum des Schengener Abkommens, mit der mich mein Radiowecker und SR1 in den Tag riefen, stimmten mich schon am frühen Morgen fröhlich und erinnerten mich daran, dass ich zu genau diesem Thema ja mal einen Text geschrieben hatte. Ein kurzes Manifest eines überzeugten Grenzgängers und Europäers.
Ich bin ein Schengenkind
Europa. Für viele ist das nur ein Wort. Ein Wort, das eine große Bedeutung hat, aber weit weg zu sein scheint. Versteckt hinter Glas-Beton-Fassaden und Bürokratie, geduckt in der Ecke hinter Tausenden von Dolmetschern (manchmal sogar eher „Dolmanager“) und Übersetzern.
Für uns hier im Saarland ist das anders. Europa. Für uns ist das ganz nahe. Für uns ist das normal, für uns ist das Alltag und gehört zum Leben dazu, wie die Luft zum Atmen. Reinhard Klimmt hat sein brillantes Buch über die saarländische Geschichte Auf dieser Grenze lebe ich genannt. Doch diese Grenze löst sich immer mehr auf und wird zu Europa.
Es ist für uns normal, in Frankreich einzukaufen. Zu jedem Grill-, pardon, Schwenkabend gehören die scharfen Merguez genauso dazu, wie der Lyoner und die Schwenker von Höll. Und was gibt's dazu? Natürlich „Flitt“. In vielen saarländischen Bäckereien bekommt man die französischen Stangenweißbrote sogar mit der eingedeutschten Schreibweise, aber den meisten Saarländern ist durchaus bewusst, dass es eigentlich „Flute“ heißt. Doch der Begriff „Flitt“ ist so saarländisch, dass sich Saarländer in anderen Teilen Deutschlands regelrechten Kommunikationsproblemen gegenüber sehen, weil der Münchner oder Kieler die saarländischen „Flitt“ nicht kennt. Im Saarland geht Europa, wie jede gute Liebe, eben auch durch den Magen.
Und natürlich wird auch der „Brand“, der nicht notwendiger Weise mit „Durst“ gleichzusetzen ist, mit französischen Getränken gestillt. Kaum ein Saarländer, der das süß-herbe Panaché nicht kennt und liebt. Und auch die Begeisterung unserer Nachbarn für Wasser mit Sirup teilen die Saarländer, ob Minze, Grenadine oder etwas ganz anderes – alles wird gerne in Frankreich gekauft. Und fast jeder Sektempfang im Saarland müsste eigentlich „Cremant-Empfang“ heißen, denn der französische Schaumwein erfreut sich im Saarland ungebrochener Beliebtheit.
So bin ich aufgewachsen, als Schengenkind. Ohne Grenzen, dafür aber mit grenzenlosen Möglichkeiten. Die Sprachbarriere wurde früh durch Unterricht und Austauschmaßnahmen überbrückt. Antoine de Saint-Exupéry trug mit seinem Petit Prince einen wichtigen Teil dazu bei und ist als De klän Prins inzwischen sogar eingesaarländischt worden. Ein Besuch der Patenschule in Landroffe: Feuerspucker und Seewanderungen, Klettergerüste und Fischköder. Frühe Eindrücke eines wundervollen Landes.
Auch die Sprache bleibt nicht unbeeinflusst. Der Saarländer behauptet immer: „Ich habe kalt.“ Dem Hochdeutschen „ist kalt“. Der Franzose sagt „J'ai froid.“ Somit ist der Saarländer sogar sprachlich näher am Französischen als am Hochdeutschen. Und auch das Trottoir und der Paraplu sind im Saarland allgegenwärtig, während sie im Rest Deutschlands unter anderen Begrifflichkeiten zu finden sind.
So bin ich aufgewachsen, als Schengenkind. Und genauso europäisch wachsen auch alle anderen Schengenkinder auf, die nach mir kamen. Ohne von Menschen auf dem Reißbrett gemachten Grenzen, ohne Erbfeindschaft, dafür mit offenem Herzen und Freundschaft.
Du bist Deutschland? Zum Teil, ja. Aber ich bin mit Sicherheit Europa. Und darüber kann man sich wirklich freuen.
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PoliTick: Die Fußball-WM als völlig andere Herzensangelegenheit...
Am 14. Juni 2010 im Topic 'PoliTick'
Seit ein paar Tagen läuft nun die Fußball-WM 2010, dem dadurch entstehenden Sog kann man sich kaum entziehen. Und, ehrlich gesagt, möchte ich das auch gar nicht. Ich habe zwar (außer meiner Mitgliedschaft im Förderverein des SV Göttelborn) nicht allzu viel mit Fußball zu tun, aber Welt- und Europameisterschaftsspiele schaue ich mir dann doch ganz gerne an. Am Liebsten natürlich so wie 2006 bei gutem Wetter mit Sangria, Schwenkbraten und vor allem vielen gut gelaunten Freunden im Garten.
Eigentlich wollte ich gar nichts über die FIFA-WM schreiben, da ich, wie gesagt, fußballtechnisch nur ein Laie bin. Ich hab das Abseits inzwischen zwar verstanden, der Sinn dahinter hat sich mir jedoch auch nach vielen Erklärungsversuchen noch nicht erschlossen. Doch hier soll es auch gar nicht um Fußball an sich, sondern mehr um das "Drumherum" gehen. Denn die WM hat bei mir ein ganz besondere Leidenschaft erneut entfacht.
Die Fußball-WM 2010 findet in Südafrika statt und ist die erste überhaupt auf dem afrikanischen Kontinent. Mich freut dies riesig, denn so kann sich der Kontinent endlich auch von seiner positiven Seite zeigen. In Afrika gibt es Probleme - Hungersnöte, AIDS und Malaria, Bürgerkriege... die sollen auch gar nicht verschwiegen werden, nur oft überdecken sie leider auch die positiven Dinge, die Afrika zu bieten hat.
Seit 2005 engagiere ich mich für Entwicklungshilfe, für Fair-Trade-Produkte, für ein Kennenlernen anderer Kulturen. Auslöser war das Mega-Konzert-Ereignis LIVE8, dass die Musiker Bob Geldof, Bono und Midge Ure einerseits als Jubiläum von LIVE AID (1985), durchführten, andererseits und hauptsächlich aber auch, um den in Gleneagles stattfindenden G8-Gipfel durch eine weltweit möglichst große (mediale) Präsenz der Zustände in der 3. Welt unter Druck zu setzen, damit zumindest eine Teilentschuldung der betroffenen Staaten erreicht wird. Die erzielten Ergebnisse waren im Nachhinein betrachtet eher mau, für die meisten Zuschauer wird es ein tolles Konzert gewesen sein - viel mehr wohl auch nicht.
Mich hat dieser Tag tief bewegt. Auf den Bühnen standen so ziemlich alle Bands und Musiker, die ich toll finde, nach den Auftritten von Peter Gabriel und der Reunion von Pink Floyd war es dann ganz um mich geschehen. Make Poverty History wurde auch zu meinem ganz persönlichen Motto, die Aussagen des Tages und die vielen Kurzfilme über die Zustände, vor allem in Afrika, hinterließen einen sehr tiefen Eindruck. Ich war wütend, traurig, enttäuscht, beschämt. Und ich hatte es, verdammt nochmal, satt, dem Sterben, Verhungern, Verrecken tatenlos zuzusehen. Aus der geballten Faust, mit der ich vor lauter Wut über diese Zustände am Liebsten auf eine Wand eingeprügelt hätte, wurde letztendlich aber doch eine zupackende Hand.
2006 bin ich dann im Internet darauf aufmerksam geworden, dass in Baden-Württemberg, in Anlehnung an das Mega-Ereignis, eine Veranstaltung namens Live8 auf Schwäbisch mit lokalen Bands stattgefunden hatte, bei der Unterschriften für die Kampagne Deine Stimme gegen Armut gesammelt wurden. Ich fasste die Idee, dass das doch auch im Saarland möglich sein müsste, kontaktierte die Veranstalter sowie die Verantwortlichen bei Deine Stimme gegen Armut, bat bei Bands und Politikern um Unterstützung. Ein Konzert unter dem Motto Gib Deine Stimme gegen Armut mit 16 saarländischen Bands, bei dem sehr viele Stimmen gesammelt wurden, wurde mit Unterstützung vieler Helferinnen und Helfer von mir durchgeführt.
Da ich auch bei den Jusos und der SPD in meinem Heimatort Göttelborn engagiert bin, habe ich versucht, auch hier etwas zu verändern. So konnte ich durchsetzen, dass bei allen SPD-/Juso-Veranstaltungen nur noch Fair-Trade-Kaffee ausgeschenkt wird und selbst der braune Zucker für den Cuba Libre an unserem Juso-Cocktailstand auf dem SPD-Sommerfest ist fair gehandelt. Das mögen Kleinigkeiten sein, aber ich bin auch der Meinung, dass gerade die Sozialdemokratie bei diesem Thema mit gutem Beispiel vorangehen und die internationale Solidarität so hoch wie nur irgend möglich halten sollte.
Vor ein paar Jahren noch ein "Hippie- und Öko-Thema" ist der Bereich Fair Trade inzwischen auch in der "Mitte der Gesellschaft" angekommen. Bei LIDL und Tchibo bekommt man fair gehandelten Kaffee, ProSieben macht Werbung für Fair-Trade-Rosen zum Muttertag. Das alles passiert natürlich, weil inzwischen ein Markt für die Produkte entstanden ist. Natürlich wollen viele sich auch nur die Absolution vom Schlechten Gewissen erkaufen, für andere ist es jedoch frei nach dem Motto "Global denken, lokal handeln" eine gute Möglichkeit, ihren Beitrag zur Verbesserung der Welt zu leisten. Ich bin nicht naiv, der zu gehende Weg ist noch sehr lang, aber es ist ein Anfang, wenn sich zumindest manche Konsumenten Gedanken darüber machen, woher ihr Frühstückskaffee kommt und zu welchen Bedingungen er produziert wurde.
LIVE8 hat mich auch auf afrikanische Musik aufmerksam gemacht: Angélique Kidjo trat zusammen mit meinem Lieblingsmusiker Peter Gabriel in Cornwall auf, K'naan in Toronto, ein absolut starker Vusi Mahlasela in Johannesburg haute mich mit seinem Auftritt fast von der Couch. Das war etwas ganz Neues. Musik aus Afrika und dann noch so verdammt gute? Ich war angefixt und bin es bis heute geblieben. Die erneute Aufmerksamkeit, die afrikanische Künstler auch bei Al Gores Umtweltkonzert Live Earth bekamen (und ein grandioser Auftritt meiner Lieblingsband Genesis, die in London mit Behind the Lines zeigten, wie man ein Konzert eröffnet), trug ihr Übriges dazu bei.
Kurz nach den LIVE8-Konzerten hatte ich das große Glück, dass mich die damalige Vizepräsidentin des saarländischen Landtages, Karin Lawall (heute als Quierschieder Bürgermeisterin auch für die Entwicklungshilfe mehr als engagiert), überraschend und ziemlich kurzfristig nach Losheim zu einem Konzert von Angélique Kidjo mitnahm. Dort fand auch ein Empfang mit verschiedenen Gästen, darunter auch der Botschafter des Landes Benin, statt, Hauptthema war die Eröffnung eines (AIDS-)Waisenhauses in Benin. Anschließend fand das Konzert statt. Angélique Kidjo, eine wahre Power-Frau, haute mich und alle anderen mit ihrem Auftritt um, nach kurzer Zeit tanzten alle, selbst die offiziellen Gäste.
Jetzt findet die WM in (Süd-)Afrika statt. Als bekanntgegeben wurde, wer den WM-Song singt, war ich enttäuscht. Shakira? Warum? Wieso? Was soll das? Warum kein Afrikaner? Ich war mit meiner Verwunderung nicht alleine, auch viele (Süd-)Afrikaner fühlten sich vor den Kopf gestoßen, mir selbst schwebte mehr als einmal das böse Stichwort "neo-imperialistische Geste" im Kopf herum, da half es dann auch nichts, dass Shakira selbst aus einem Entwicklungsland (Kolumbien) kommt.
Doch ein anderer Song sollte sich gegen Shakiras offizielle Hymne durchsetzen. Coca Cola hatten für ihre WM-Werbung den Song Wavin' Flag des kanadisch-somalischen Sängers K'naan ausgesucht. Und, siehe da, der Song läuft bei allen Radiostationen rauf und runter und erreicht in Deutschland Platz 1 - ich vermute mal, dass dies das erste Mal sein dürfte, dass einem afrikanisch-stämmigen Musiker überhaupt ein solcher Erfolg gelingt. K'naan tourt durch's deutsche Fernsehen, mal ein Interview beim Sat1-Frühstücksfernsehen, mal ein großartiger Auftritt bei Wetten das...?! Der kleine, unbekannte Song setzt sich beim Publikum (zugegeben, mit Schützenhilfe einer koffeinhaltigen Limonade) gegen die offizielle, aber aufgesetzte WM-Hymne durch. Für mich mehr als nur eine Genugtuung.
Und, meiner Meinung nach, zeigten die afrikanischen Künstler wie K'naan, Angélique Kidjo, Vusi Mahlasela, The Parlotones, Amadou & Mariam und andere beim WM-Eröffungskonzert, was sie drauf haben und verwiesen damit selbst internationale Größe wie die Black Eyed Peas auf ihre Plätze. Vusi Mahlasela erinnerte daran, dass Afrika schließlich "the cradle of the humankind", die Wiege der Menschheit, ist - was viele entweder vergessen oder noch nie begriffen haben.
Ich wünsche mir, dass sich das Bild von Afrika in den Köpfen der Menschen nach der WM ein bisschen verändert hat, dass Afrika nicht mehr länger, wie bei Joseph Conrad ein Heart of Darkness, sondern auch ein Ort der Kultur sein kann. Diese mag uns als Westeuropäern zunächst noch etwas fremd sein, doch wenn man sich Zeit nimmt und sich darauf einlässt, merkt man, was man die ganze Zeit über verpasst hat. Ich hoffe, dass bei vielen Menschen endlich auch die musikalischen Scheuklappen fallen. Wer braucht schon 08/15-Casting-Mist wie die "Preluders", wenn er eine echte, wahnsinnig talentierte Künstlerin wie Angélique Kidjo haben kann? Wie auch bei Fair-Trade-Produkten ist das ein langer Weg, die WM wird hoffentlich dazu beitragen, dass ihn zukünftig noch mehr beschreiten. Alle anderen werden viel verpassen - selbst schuld!
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PoliTick: Bekenntnisse eines deutschen Bummelstudenten
Am 02. Juni 2010 im Topic 'PoliTick'

Ich zähle mich selbst zu den sogenannten "Bummelstudenten", von denen man in letzter Zeit so viel liest und gegen die so viele PolitikerInnen in Don-Quijote-gleicher Manier zu Felde ziehen. Warum ich mich als "Bummelstudent" sehe? Nun, ich bin jetzt im 8. Semester und fange jetzt erst allmählich mit dem Schreiben der Zwischenprüfungen an, die in Studienverlaufsplänen bereits für das 3. oder 4. Semester vorgesehen sind. Laut diesem Plan sollte ich mein Studium inzwischen auch fast abgeschlossen haben, aber soweit bin ich derzeit eben noch nicht.
Doch obwohl ich ein "Bummelstudent" bin, bin ich nicht faul. Ich studiere an der Uni des Saarlandes Germanistik und Anglistik auf Lehramt an Gymnasien. Und das mit Spaß und aus Überzeugung. Jeder, der es hören will, bekommt von mir auch gerne mal erzählt, dass ich "mein Hobby studiere", weil ich mich auch privat sehr für Literatur und Sprachen interessiere.
Aus diesem Grund belege ich an der Uni auch gerne viele Kurse, zwar nicht immer die, die ich laut der Studienordnung bräuchte, aber auf jeden Fall solche, die mich interessieren. Und da bin ich dann auch froh, noch zur "alten" Studienordnung und nicht zur grottenschlecht verschulten "modularisierten" Studienordnung zu gehören. In der bleibt nämlich kein Platz für Kurse, die man, so wie ich es jedes Semester mit Freude tue, einfach mal aus Spaß belegt - und nicht wegen der Jagd nach den verlorenen "Credit Points".
Und da bedanke ich mich dann auch gerne mal bei Germanistik, Anglistik/Amerikanistik und Komparatistik der UdS, die auch mal etwas abseitigere, dafür aber wirklich gute Kurse zu "Einführung in Theorie und Geschichte des Comics", "Sexualität und Literatur", "Terrorismus in der Literatur", "Mystery and Terror in the Writings of Edgar Allan Poe" oder "Deutschsprachige Lyrik aus der Bukowina: Paul Celan und die anderen" gleichberechtigt zu solchen über Goethe, Kafka, Charles Dickens oder Nobelpreisträgerinnen anbieten. Hier zeigt sich, dass die Saarbrücker Literaturwissenschaftler sehr "open minded" sind und auch gerne mal neuere Themen aufgreifen. Solche Kurse belegt man dann doch gerne auch mal nur aus Interesse oder Spaß. Was natürlich nicht bedeutet, dass die "Klassiker" uninteressant wären, im Gegenteil, ich habe auch schon einen Kurs zu "Goethes Lyrik" einfach nur aus Spaß belegt, weil ich fand, dass Goethe zu einem gelungenen Germanistikstudium definitiv dazugehört.
In diesem Semester habe ich die Vorlesung "The Places of Literary History: Regionalism Revisited in U.S. American Literature", die Proseminare "Californian City Stories", "Die Utopie als literarische Gattung", "Einführung in Theorie und Geschichte des Comics" sowie die beiden Übungen "Die femme fatale in Literatur, Musik und Bildender Kunst" und "Unterweltsfahrten" einfach nur aus Spaß und Interesse belegt. Durch die Bank alles gute, interessante und lehrreiche Veranstaltungen, die ich gerne besuche und bei denen mich deshalb zur Anwesenheit auch niemand zwingen muss. Ein Lob an die jeweiligen DozentInnen.
Ich gebe ja gerne zu, dass ich die Belegung manch eines Pflichtkurses auch mal herausgezögert habe, aber dass macht mich noch lange nicht faul, da ich stattdessen oftmals zwei, drei oder sogar vier Proseminare und Vorlesungen rein aus Interesse heraus belegt habe. Ich studiere, weil mir meine Fächer Spaß machen und ich belege so viele Kurse, auch einfach "mal so", weil ich möglichst viel und ein möglichst breit gefächertes Wissen aus meinem Studium mitnehmen möchte.
In der Diskussion über die "Bummelstudenten" zeigt sich, meiner Meinung nach, ein mehr als menschenfeindliches Bild von den Studierenden. Die sollen gefälligst möglichst schnell und möglichst stromlinienförmig ihr Studium durchziehen, damit sie möglichst schnell für die Wirtschaft verwertbar sind. Die gleiche neoliberal-menschenverachtende Ideologie steht auch hinter G8, dass die Schulzeiten mutwillig verkürzt, die Lernbelastung jedoch gleich bleiben, öfter sogar noch ansteigen lässt. Burn-Out-Syndrom und andere psychische Erkrankungen kommen unter SchülerInnen und Studierenden deshalb immer häufiger vor, einziger Gewinner sind private und kommerzielle Nachhilfe-Institute, die gegen viel Geld das nachholen, was im auf die Wirtschaft ausgerichteten Bildungssystem nicht mehr möglich ist.
Da stellt sich dann die Frage: Müssen wir uns wirklich von der Wirtschaft vordiktieren lassen, wie lange wir bis zum Abi zu brauchen haben, oder wie lange ein Studium sein darf? Persönliche Entfaltung von Interessen, Fähigkeiten und Talenten wird in einem solch regulierten Bildungssystem nicht geben. Letztendlich gehen wir damit sogar einen Schritt zurück in die Vergangenheit, noch vor die Aufklärung, die Kant immerhin als "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" definiert hat. Das halte ich für absolut fatal.
Nicht alle "Bummelstudenten" sind faul, ich selbst bin teilweise von 8:00 bis 16:00 Uhr an der Uni und habe gleich vier Kurse, von denen ich dann drei "einfach nur so" und aus Spaß mache, darüber hinaus bin ich jeweils noch eine Stunde mit dem Bus hin und zurück unterwegs. Macht insgesamt einen 10-Stunden-Tag. Wer da "Bummelstudenten" noch als "faul" beschimpft, der soll doch bitte noch ein Mal nachdenken.
Natürlich gibt es auch Ausnahmen und es gibt faule Studierende, die im 30. Semester immer noch nicht ihre Grundkurse absolviert haben und ihr Studium vmtl. auch nie (erfolgreich) beenden werden. Aber dass wegen dieser Ausnahmen gleich alle Studierenden in Sippenhaft genommen werden, finde ich geradezu widerwärtig.
Die meisten Studierenden, gerade in den Geisteswissenschaften, sind voller Tatendrang, voller Idealismus und studieren aus Spaß an der Sache. Dass auch all diesen engagierten Studierenden von Medien und PolitikerInnen die Keule mit der Aufschrift "Bummelstudenten" mit voller Wucht über den Kopf gezogen wird, zeigt, dass seitens der Verantwortlichen in der Politik gar kein richtiges Interesse daran besteht, sich mit der wirklichen Situation der Studierenden zu befassen. Stattdessen betreibt man die Amerikanisierung des deutschen und europäischen Bildungssystemes, obwohl eigtl. bekannt ist, dass gerade die USA nicht gerade mit dem Besten Bildungssystem aufwarten können.
Statt die Schul- und Studienzeiten mutwillig zu verkürzen, sollte viel mehr die freie Entfaltung der jungen Menschen gefordert und gefördert werden. Keine starren, verschulten Stundenpläne, sondern nach Interessen selbst zusammenstellbare. Nur so lernen Studierende auch Eigenverantwortung. Ansonsten werden die Unis nur zum Wurmfortsatz der Schulen, der sich irgendwann, genau wie beim menschlichen Körper, entzündet und amputiert werden muss. Lassen wir es nicht so weit kommen. Dann vlt. lieber doch ein bisschen "bummeln", frei entfalten und lange gesund bleiben.
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