TiRos Blog
Freitag, 15. Juli 2011
GlotzGedanken: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2
Am 15. Juli 2011 im Topic 'GlotzGedanken'


Eine Ära geht zuende. Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2 ist in den Kinos angelaufen und schließt nach stolzen zehn Jahren eine der größten Filmreihen ab.

Nach dem ersten Teil habe ich mich riesig auf den zweiten Teil gefreut. Und ich weiß nicht, ob ich mich jemals so sehr auf einen anderen Film gefreut habe. Gerade als großer Fan der Bücher aus der Feder J.K. Rowlings habe ich mir die Filme immer gerne angeschaut. Und selbst wenn man Harry Potter nicht mag, wird man zugeben müssen, dass die Filme allesamt sehr gut sind.

Ich persönlich sehe Teil 71. und 7.2 als einen Film an. Während der erste Teil sich hauptsächlich auf Harry, Ron und Hermine konzentriert und eher etwas ruhiger daherkommt, legt der zweite Teil den Fokus auch auf die vielen Nebenfiguren und bietet jede Menge Action. Sogesehen bilden die beiden Filme also jeweils das Komplement des andere und die beste Wirkung erzielen sie vermutlich, wenn man sie beide direkt nacheinander sieht.

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2 ist ein episches Finale. Die Schlacht um Hogwarts kann locker mit entsprechenden Szenen aus Herr der Ringe oder Star Wars mithalten. Darüber hinaus ist es, gerade für Fans der Bücher, sehr gelungen, wie der Film alle losen Enden noch einmal aufgreift und miteinander verknüpft. Sehr oft wird auf Ereignisse des allerersten Teiles Bezug genommen, es schadet also nicht, wenn man diesen noch einigermaßen frisch in Erinnerung hat. Wobei den ohnehin so ziemlich jeder schon mal gesehen haben wird.

Die bereits erwähnten Nebenfiguren spielen eine sehr große Rolle und es dürfte die größte Leistung der Filmreihe sein, dass man fast den gesamten Cast über zehn Jahre und sieben Filme hinweg bei der Stange halten konnte. Auch wenn natürlich nicht alle Figuren eine große Rolle spielen, haben sie zumindest Kurzauftritte, über die sich vor allen Dingen die Fans sehr freuen werden. Das wirkt ein wenig so als "reise" der Film zum Ende der Reihe hin nochmal zu allen Figuren, um sich von diesen zu verabschieden.

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2 ist definitiv kein reiner Kinderfilm, stellenweise geht es sogar ziemlich brutal zu. Viele Kinder haben zwar mit Sicherheit das Buch gelesen, aber die Darstellung von Gewalt im Medium Film ist letztendlich wieder etwas völlig anderes als die in geschriebener Form. Bereits der erste Harry-Potter-Film löste Diskussionen über die Altersfreigabe von Filmen aus und führte letztendlich sogar zu einer Änderung des Jugendschutzgesetzes.

Mir persönlich sind gegenüber der Vorlage nur wenige Abweichungen aufgefallen. Und die größte davon, eine gewisse "Romanze", fand ich letztendlich auch eine sympathische Änderung.

Visuell ist der Film absolut gelungen, das Set-Design (z.B. die Gestaltung der Shell Cottage, Gringott's und Hogwarts) und die Spezialeffekte schaffen das richtige phantastische Flair. Die Filmmusik, die noch einmal alle bekannten Themen der vorherigen Filme angreift, ist brilliant.

Als Fazit bleibt mir nur zu sagen: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 2 ist ein Kino-Film, den man sich auf der großen Leinwand anschauen muss. Ich persönlich bin ein Film-Freak, aber ich gehe nicht sonderlich gerne ins Kino, was einfach daran liegt, dass es nur selten Filme gibt, die es tatsächlich verdienen, dass sie im Kino geschaut werden. Oft sind es ja doch eher RTL-20:15-Nebenbei-Guck-Filme, um mal die Herren Körber und Hammes aus der Medien-KuH zu zitieren. Bei Harry Potter 7.2 lohnt sich das Kino-Ticket aber auf jeden Fall.

Ich persönlich habe den Film nur in 2D gesehen, habe inzwischen aber mehrfach gehört und gelesen, dass die 3D-Fassung weniger gelungen sein soll, da letztendlich kaum 3D-Effekte enthalten sind. Ich würde deshalb dazu raten, sich die entsprechenden Mehrkosten zu sparen und in die klassische 2D-Variante zu gehen.

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Samstag, 22. Januar 2011
GlotzGedanken: Küss den Frosch - Disney lebt und wie!
Am 22. Januar 2011 im Topic 'GlotzGedanken'


Vor Kurzem habe ich mir Disneys neuesten Zeichentrickfilm Küss den Frosch (The Princess and the Frog, 2009) angeschaut und bin immer noch hin und weg. Ich liebe Disney - und dieser Film verpasst einem eine ganz große Spritze alldessen, was an Disney so toll ist:

Charaktere: Da ist Tiana, die sich mit harter Arbeit den großen Wunsch vom eigenen Restaurant erfüllen möchte, den sie stets gemeinsam mit ihrem Vater träumte, bevor dieser dem Krieg zum Opfer fiel. Da ist der Ukulele-spielende Prinz Naveen, der verwöhnte, adelige Schnösel, für den das ganze Leben eine einzige große Party ist und der sich auf der Suche nach einer reichen Frau befindet, weil seine Eltern ihm den Geldhahn abgedreht haben. Da ist der trompetende Alligator Louis, der von einer Karriere als Jazzmusiker träumt. Da ist Kajun-Glühwürmchen Ray, der sich unsterblich in den Abendstern Evangeline verliebt hat. Und da ist Dr. Facilier, der einen Pakt mit Wesen im Schattenreich eingegangen ist und gutgläubige Menschen mit Vooddo-Tricks abzieht. Disney-Figuren sind nun nicht gerade dafür bekannt, besonders facettenreich zu sein, aber das brauchen sie auch gar nicht, wenn sie mit so viel Liebe gestaltet sind.

Tiana hat als erste schwarze Disney-Prinzessin in den USA für etwas Aufregung gesorgt, doch was man kann man an einer solch taffen und selbstständigen Frau, die unabhängig ist und hart für die eigenen Ziele arbeitet denn schon groß kritisieren? Sowohl als Schwarze, aber auch als Frau ist sie eine absolute Identifikationsfigur.

Mir besonders gefallen hat als Figur Alligator Louis, der natürlich in der Tradition von Balu und Pumba steht - ein absoluter Sympathieträger. Und, mal ehrlich, wie könnte man einen großen, dicken, etwas tollpatschigen, Trompete-spielenden Alligator nicht mögen?

Geschichte: Märchen hat man bei Disney ja immer schon gerne adaptiert. Diesmal war "Der Froschkönig" an der Reihe, jedoch läuft in diesem Fall beim Küssen des Frosches und der dann folgenden Verwandlung etwas ganz gehörig schief... viel mehr möchte ich hier dann auch nicht vorwegnehmen.

Musik: Disney-Filme sind für ihre Musical-Einlagen bekannt. Selten ergab das so viel Sinn, wie bei einem Film, der in New Orleans, der Heimatstadt des Jazz spielt. Randy Newman hat als Komponist einmal mehr erstklassige Arbeit geleistet. Die Songs haben einen mitreißenden Rhythmus, der direkt ins Blut geht. Aber auch ruhigere Töne werden z.B. bei "Evangeline" angeschlagen. In einigen YouTube-Kommentaren beschweren sich User über die deutsche Fassung der Songs. Mir persönlich gefallen auch diese und ich finde, dass Cassandra Steen und Roger Cicero als Tiana und Naveen absolut überzeugen. Und auch Bill Ramsey als Alligator Louis ist großartig.



Handgezeichnete Animation: Nach finanziellen Misserfolgen wie Atlantis oder Bärenbrüder (die ich im Übrigen beide sehr gerne mag) hatte man bei Disney eigentlich verkündet, dass man keine traditionell gezeichneten Animationsfilme mehr produzieren würde, da sich der Geschmack des Publikums inzwischen zu sehr geändert hätte. Diese Entscheidung wurde dann jedoch revidiert als Edwin Catmull Präsident von Disney wurde.

Ich konnte es kaum glauben, als ich das las: Disney hatte wirklich für ein paar Jahre die Sparte des traditionellen Zeichentricks gestrichen und die entsprechenden Mitarbeiter gefeuert - die Firma, die ihren heutigen Status auf dem Erfolg von Walt Disneys handgezeichneten Figuren gründet.

Offensichtlich trug jedoch der Erfolg von Pixar, der hauptsächlich in sympathischen Figuren und großartigen Geschichten begründet liegt, dazu bei, dass man sich bei Disney wieder auf die guten alten Wurzeln zurückbesonnen hat. Die meisten der neueren Zeichentrickfilme waren ja nicht schlecht, weil sie Zeichentrickfilme waren, sondern einfach weil sie keine guten Filme waren. Man hat sich dann hingesetzt und mit Küss den Frosch nun doch wieder einen guten Disney-Zeichentrickfilm entwickelt.

Und es tut so unglaublich gut, endlich wieder einen handgezeichneten Disney-Film zu sehen. Zu sehr hat man sich von CGI-Effekten verlocken lassen, was zu Schund wie Der Schatzplanet führte. Dabei braucht es das gar nicht. Kein CGI-Rotz, kein 3D-Gimmick-Gedöhns, nur damit die Kinokarten teurer verhökert werden können. Nein, einfach nur handgezeichnete Animation, bei der man Liebe und Talent gleichermaßen spürt. Das im Verbund mit gelungenen Charakteren, einem genialen Soundtrack und einer tollen Story - das ist der Geist von Disney, wie man ihn gekannt und vermisst hat.

Und, siehe da: Erfolg! An der Kinokasse klingelte es reichlich, Kritiker waren aus dem Häuschen und als Sahnehäubchen gab es sogar ein paar Oscar-Nominierungen. Und bei Disney hat man sich nach dem Erfolg dazu entschieden, nun doch auch weiterhin wieder tradtionelle Zeichentrickfilme zu machen. Und wenn die weiterhin so gut sind, wie Küss den Frosch, werden auch diese erfolgreich sein.

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Dienstag, 3. August 2010
GlotzGedanken: Warum Coraline "unheimlich" ist
Am 03. August 2010 im Topic 'GlotzGedanken'


Coraline hatte mich schon bei der diesjährigen Oscar-Verleihung fasziniert, denn dort gehörte er mit zu den Filmen, die in der Kategorie "Bester animierter Film" auf den wichtigsten Preis der Filmbranche hofften. Der Oscar ging zwar an Pixars "Oben" - und das auch ziemlich verdient, doch auch Coraline ist ein wirklich guter Film, dem die Auszeichnung ebenfalls ganz gut gestanden hätte.

Nachdem ich den Film jetzt endlich gesehen habe, bin ich total begeistert von ihm, da er viel Raum für psychoanalytische Interpretationsweisen offen lässt und einen angehenden Literaturwissenschaftler wie mich fast schon dazu herausfordert, ihn entsprechend zu analysieren. Ich werde hier Coraline mithilfe von Siegmund Freuds Essay Das Unheimliche (1919) ein wenig tiefer in den Film einsteigen.

ZUnächst zum Begriff des "Unheimlichen". Freud schreibt dazu: Das deutsche Wort »unheimlich« ist offenbar der Gegensatz zu heimlich, heimisch, vertraut, und der Schluß liegt nahe, es sei etwas eben darum schreckhaft, weil es nicht bekannt und vertraut ist. (Das Unheimliche) "Unheimlich" können uns also nur Dinge werden, die uns vertraut sind. Genau deshalb können z.B. ein Kinderzimmer, ein Karussell oder die Melodie einer Spieluhr gruselig erscheinen, weil all dies Dinge sind, die uns an eine vertraute Phase unseres Lebens, die Kindheit erinnern: Sie sah sich im Zimmer um. Es war ihr so vertraut - das war ja gerade das Seltsame daram. Alle war haargenau so, wie sie es in Erinnerung hatte. (Coraline, 78) Eine Schlussfolgerung Freuds lautet entsprechend, daß das Unheimliche das Heimliche-Heimische ist (Das Unheimliche). Als Ergänzung zu Freud sei außerdem auch noch Horrorautor- und theoretiker Stephen King zitiert: der gute Horrorfilm [...] bewirkt vor allem eines, er kickt uns die Krücken des Erwachsenseins fort und lässt uns die Rutschbahn zurück in die Kindheit hinabschlittern. Und dort kann unser eigener Schatten wieder zu dem eines bösen Hundes werden, einem klaffenden Maul oder einer lockenden, dunklen Gestalt (Danse Macabre). Auch Stephen King ist sich bewusst darüber, dass effektiver Horror nur dann funktioniert, wenn er kindlische, sprich: heimische Ängste, in uns weg, wodurch wir ein unheimliches Gefühl bekommen.

Coraline Jones, die namensgebende Hauptfigur zieht mit ihren Eltern, die beide Schriftsteller sind und zu Hause arbeiten, in eine der drei Wohnungen des sogenannten rosa Palastes, einem 150 Jahre alten riesigen (Herren-)Haus. In den beiden anderen Wohnungen leben zwei abgehalfterte Theaterschauspielerinnen, die mich mit ihren (lebendigen und ausgestopften) Hunden irgendwie an die Jacob Sisters erinnert haben, sowie ein ehemaliger Zirkusartist, der mit halsbrecherischen Stunts umherwirbelt und einen imaginären Mäusezirkus trainiert. In der Nähe lebt auch der nerdige Wybie, der eine "wilde" schwarze Katze als Haustier hält. Er gibt Coraline später eine Puppe, die exakt wie ein Double des Mädchens aussieht.

Das Doppelgängertum und die dadurch entstehende Ich-Verdopplung, Ich-Teilung, Ich-Vertauschung (Das Unheimliche) sind eine sichere Quelle des Gruseligen, so auch bei Coraline. Woher sollte Wybies Oma die angeblich uralte Puppe haben, deren Entstehungs- und Recyclingsprozess der Zuschauer im Vorspann des Filmes beobachten konnte? Eine gewisse Irritation stellt sich ein.

Über Puppen schreibt Freud in Das Unheimliche Einiges. Unheimlich seien dabei vor allem die »Zweifel an der Beseelung eines anscheinend lebendigen Wesens und umgekehrt darüber, ob ein lebloser Gegenstand nicht etwa beseelt sei« [...] [. Dies beruhe] auf de[m] Eindruck von Wachsfiguren, kunstvollen Puppen und Automaten. (Das Unheimliche) Dass es ausgerechnet von Coraline eine Zwillingspuppe gibt und nicht z.B. von ihren Eltern liegt an der Nähe von Puppe und Kind: Natürlich sind wir aber gerade mit den Puppen vom Kindlichen nicht weit entfernt (Das Unheimliche), schreibt Freud richtiger Weise. Freud zeigt, dass er in diesem Zusammenhang sehr viel von der kindlichen Psyche versteht: bei der lebenden Puppe ist von Angst keine Rede, das Kind hat sich vor dem Beleben seiner Puppen nicht gefürchtet, vielleicht es sogar gewünscht. Die Quelle des unheimlichen Gefühls wäre also hier nicht eine Kinderangst, sondern ein Kinderwunsch oder auch nur ein Kinderglaube (Das Unheimliche). Für Coraline ist die Puppe zunächst nichts Unheimliches, sondern ein durchaus willkommener Spielgefährte. Beim Durchstreifen des Hauses zeigt sich dies deutlich: Coraline reibt in ein verstaubtes Fenster zwei Gucklöcher, eines für sich, eines für die Puppe, die dadurch eine gewisse Belebung erfährt.

Bei der Durch- und Untersuchung des Hauses, entdeckt Coraline im Wohnzimmer hinter der Tapete eine kleine Tür, die sich mit einem Schlüssel in Form eines Knopfes öffnen lässt. Allerdings stellt sich die Tür, zu Coralines Enttäuschung, als zugemauert heraus. Nachts jedoch öffnet sich diese Tür auf geheimnisvolle Weise und eine kleine Schar von Springmäusen führt Coraline durch einen blau-violett schimmernden Tunnel in ein Haus, dass wie eine gespiegelte Version des rosa Palastes erscheint. Die Parallelen zu Lewis Carolls Alice im Wunderland und sind offensichtlich. Fungiert bei Caroll der weiße Märzhase als Bote zwischen unserer Welt und einer fantastischen "anderen" Welt, so sind es bei Henry Selicks Coraline die vier Springmäuse.

Freud schreibt in seinem Essay auch über den Zusammenhang von "geheim" und "unheimlich". Dass "Heimliche", das Verborgene kommt aus seinem Versteck hervor und wird im Wortsinn "un-heimlich". Für Freud ist deshalb am interessantesten, daß das Wörtchen heimlich unter den mehrfachen Nuancen seiner Bedeutung auch eine zeigt, in der es mit seinem Gegensatz unheimlich zusammenfällt. Das Heimliche wird dann zum Unheimlichen [...] Wir werden überhaupt daran gemahnt, daß dies Wort heimlich nicht eindeutig ist, sondern zwei Vorstellungskreisen zugehört, die, ohne gegensätzlich zu sein, einander doch recht fremd sind, dem des Vertrauten, Behaglichen und dem des Versteckten, Verborgengehaltenen. (Das Unheimliche) Wenn das "Heimische" etwas "Heimliches" verbirgt und dieses dann zum Vorschein kommt, wird es "Unheimlich", da dadurch auch ein großes Stück an Sicherheit verlorengeht. Wenn das "Heimische" "unheimlich" wird, verliert es seinen Zufluchtscharakter und kann keinen Schutz mehr bieten. Genau deshalb ist Horror so effektiv, wenn er sich in vertrauten Umgebungen abspielt - er konfrontiert uns mit der Angst, unseren Zufluchtsort zu verlieren und damit ungeschützt wem oder was auch immer ausgeliefert zu sein.

In diesem "anderen" Haus gibt es auch eine "andere" Mutter, die sich, im Gegensatz zur echten Mutter, wirklich für Coraline interessiert und ihr ein leckeres Festmahl zubereitet. Und auch der "andere" Vater, ein Musiker, der von seinem Klavier gespielt wird, zeigt wirkliches Interesse an Coraline. Coraline bekommt ihren Lieblingsmilchshake, kann mit ihren Freunden sprechen, hat lebendige Spielzeuge. Die Welt hinter dem Tunnel, der analog zu Alice' Kaninchenbau ist, scheint perfekt zu sein.

Freud mahnt jedoch zur Vorsicht vor allzu großer Perfektion: Im ›Ring des Polykrates‹ wendet sich der Gast mit Grausen, weil er merkt, daß jeder Wunsch des Freundes sofort in Erfüllung geht, jede seiner Sorgen vom Schicksal unverzüglich aufgehoben wird. (Das Unheimliche) Recht schnell zeigt sich, dass Freud mit seiner Warnung recht hat, denn eine Kleinigkeit irritiert Coraline und den Zuschauer dann eben doch. Statt Augen tragen die "anderen" Menschen schwarze Knöpfe als Augen. Coraline schläft zufrieden in ihrem "anderen" Bett ein, erwacht jedoch in der normalen Welt.

Sie lernt dann auch ihre NachbarInnen Mr. Bobinsky, dessen imaginären Mäuse sie vor der "kleinen Tür" warnen, sowie Miss Spink und Miss Forcible, die in ihren Teeblättern eine große Gefahr vorhersehen, kennen. Die beiden ehemaligen Schauspielerinnen erinnern an die beiden Schwestern Heather und Wendy aus Nicolas Roegs großartigem Film Wenn die Gondeln Trauer tragen/Don't Look Now. Dort ist eine der Schwestern blind, hat jedoch das zweite Gesicht und dementsprechend hellseherische Fähigkeiten. Auch die beiden Schauspielerinnen werfen sich gegenseitig Blindheit vor. Der "blinde Seher" ist ein sehr alter und häufig wiederkehrender literarischer Topos, schon in mehreren Episoden der griechischen Mythologie taucht der blinde Seher Teiresias auf. Der Zuschauer, dem der Tasseninhalt gezeigt wird, kann erkennen, dass die Teeblätter eine Klauenhand formen, ein offensichtlich gefährliches Symbol. Genau wie der Protagonist John Baxter in Don't Look Now ignoriert jedoch auch Coraline alle Warnungen, sie stapft bezeichnender Weise durch Nebel, der alles verhüllt, genau wie Coraline in ihrer selektiven Wahrnehmung die Verhängnis-verheißenden Omen ausblendet. Sie begibt sich wieder in die andere Welt jenseits der kleinen Tür und hat dort weitere wunderbare Erlebnisse.

Ihre "andere" Mutter erzählt Coraline, dass sie für immer in der wunderbaren Spiegelwelt bleiben könnte, es gibt nur einen winzigen Haken. Sie müsste sich Knöpfe in/über ihre Augen nähen lassen - dies lehnt Coraline jedoch dankend ab. Hier merkt Freud an, dass es eine schreckliche Kinderangst ist, die Augen zu beschädigen oder zu verlieren. Vielen Erwachsenen ist diese Ängstlichkeit verblieben, und sie fürchten keine andere Organverletzung so sehr wie die des Auges. Ist man doch auch gewohnt zu sagen, daß man etwas behüten werde wie seinen Augapfel. Das Studium der Träume, der Phantasien und Mythen hat uns dann gelehrt, daß die Angst um die Augen, die Angst zu erblinden, häufig genug ein Ersatz für die Kastrationsangst ist. (Das Unheimliche)

In der englischsprachigen Literatur tauchen "eye" und "I" häufig in engem Zusammenhang auf, was sich schon durch dadurch ergibt, dass sie aus phonetischer Sicht identisch sind: beide werden /aɪ/ ausgesprochen. In den Detektivgeschichten der hardboiled fiction (und dem daraus entstandenen Filmgenre des Film noir) ist der Privatdetektiv als "private eye" häufig auch ein auf sich gestelltes "private I". In Edgar Allan Poes Kurzgeschichte The Telltale Heart/Das verräterische Herz stellt sich dem Leser recht schnell die Frage, ob das "eye" oder das "I" der Grund für den Wahnsinn des Protagonisten darstellt. Dies nur um zwei Beispiele zu nennen.

Mit dem Verlust der Augen ("eye") geht somit also auch der Verlust der Identität ("I") einher. Darüber hinaus stellen die Augen auch den Spiegel der Seele dar, die man verliert, wenn man seine Augen durch Knöpfe austauscht. Dieses Schicksal ist bereits drei weiteren Kindern widerfahren, die Coraline trifft, als sie von der "anderen" Mutter in einen Raum hinter einem Spiegel eingesperrt wird - auch hier grüßt , die sich in ihrem zweiten Erzählband hinter den Spiegeln bewegt und dort Abenteuer erlebt.

Als eine weitere Parallele zu trifft Coraline in der Welt hinter der Tür auf Wybies schwarzen Kater, ein wundervoller Zyniker, der sich frei zwischen den beiden Welten bewegen und in der "anderen" Welt auch sprechen kann. Lewis Carolls Cheshire Cat/Grinsekatze mag hier durchaus Pate gestanden haben. Gemeinsam mit ihm läuft sie vom "anderen" Haus weg, findet sich zunächst in einem weißen Nichts, dann jedoch wieder an ihrem Ausgangspunkt wieder. Sowohl Coraline als auch der Zuschauer sind irritiert: Wie kann das funktionieren?

Freud schreibt zwar, das Moment der Wiederholung des Gleichartigen [werde] als Quelle des unheimlichen Gefühls vielleicht nicht bei jedermann Anerkennung finden (Das Unheimliche), in diesem Fall dürfte es jedoch unstrittig sein. Die Szene ist ähnlich unheimlich, wie wenn man sich, vom Nebel überrascht, verirrt hat und nun trotz aller Bemühungen, einen markierten oder bekannten Weg zu finden, wiederholt zu der einen, durch eine bestimmte Formation gekennzeichneten Stelle zurückkommt (Das Unheimliche) Exakt dies widerfährt Coraline.

In der normalen Welt bekommt Coraline von den beiden Schauspielerinnen einen Stein mit einem Loch in der Mitte, der "gut gegen Böses [und] Verlorenes" ist und mit dem sie in der "anderen" Welt die Wahrheit sehen kann. Ein ähnlicher Stein taucht auch in Die Geheimnisse der Spiderwicks/The Spiderwick Chronicles auf, dort ermöglicht er den Menschen, die verschiedenen magischen Wesen, die um das Haus herum leben und normaler Weise unsichtbar sind, zu sehen. Eine ähnliche Funktion hat er auch in Coraline. Merkwürdiger Weise haben die beiden Schauspielerinnen eine Kiste mit drei Bonbongläsern (beschriftet mit "1921", "1936" und "1960" - was durchaus die Verschwindedaten der drei anderen Kinder sein mögen), in der sich genau der von Coraline benötigte Stein befindet. Man fragt sich spätestens jetzt, ob die beiden (genau wie Mr. Bobinsky und in geringerem Ausmaß auch Wybie) nicht doch mehr wissen, als sie zuzugeben bereit sind.

Als sich allmählich das wahre Gesicht der "anderen" Mutter, die alte Vettel immer deutlicher zeigt, umgibt sie sich mit einer Vielzahl von Käfern. Franz Kafkas Erzählung Die Verwandlung, in der sich der Protagonist Gregor Samsa in einen Käfer verwandelt und somit ebenfalls seiner Identität beraubt vorfindet, kommt einem in den Sinn. Im englischen Original wird die "andere" Mutter auch als beldam bezeichnet, im Deutschen ist es die Vettel. Beides sind archaische Begriffe für eine alte Frau oder, und in diesem Fall auch wesentlich interessanter und aufschlussreicher, eine Hexe. Da der Film durchaus auch in der Märchentradition zu sehen ist, passt die Wahl dieses archaischen Begriffes, sowohl im Englischen wie auch im Deutschen, sehr gut.

Über das Wort beldam ergibt sich darüber hinaus auch ein möglicher Querverweis auf John Keats' Gedicht La belle Dame Sans Merci.

Coraline lässt sich schlussendlich auf ein Spiel mit der "anderen" Mutter ein und schafft es, die Seelen der Kinder sowie ihre gefangenen Eltern zu befreien. Daraufhin verwandelt sich die "andere" Mutter (ähnlich wie in Stephen Kings Es) in eine Spinne, die "andere" Welt zieht sich zu einem Spinnennetz zusammen. Die Insektennatur der "anderen" Mutter ist nun offensichlich. Der Kater kratzt der Mutter ihre Knopfaugen aus, die nun geblendet (kastriert?) Coraline verfolgt. Coraline schafft es, zu fliehen, doch bleibt eine Hand der "anderen" Mutter im Tunnel zurück. Auch hier findet man bei Freud warnende Worte: Abgetrennte Glieder, [...] eine vom Arm gelöste Hand [...], haben etwas ungemein Unheimliches an sich, besonders wenn ihnen [...] noch eine selbständige Tätigkeit zugestanden wird. (Das Unheimliche) Recht schnell zeigt sich, dass der Psychoanalytiker erneut Recht behalten soll.

Nachts erscheinen Coraline die befreiten Seelen der drei Kinder (vor einem wundervollen von Van Gogh inspirierten Nachthimmel) und warnen sie, dass der Schlüssel immer noch eine Verbindung zum "anderen" Haus schaffen kann. Coraline beschließt, den Schlüssel in einen uralten und sehr tiefen Brunnen zu werfen, was ihr nach einem letzten Gefecht mit der abgetrennten Hand der "anderen" Mutter auch gelingt. Mit einer fröhlichen Gartenparty, zu der auch Wybies Großmutter stößt, endet der Film.

Coraline ist ein wirklich guter Horrorfilm, gerade für Kinder. Es scheint in Teilen, als hätte Freuds Das Unheimliche bei der Produktion neben den PCs gelegen, was genau zu dem unheimlichen Gefühl führt und das gesamte Filmerlebnis so gruselig macht.

Quellen und Weiterführendes:

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Sonntag, 25. Juli 2010
GlotzGedanken: Was Scott McCloud mit Hornbach zu tun hat
Am 25. Juli 2010 im Topic 'GlotzGedanken'


Die aktuelle Hornbach-Werbung sorgte schon vor ihrer Erstausstrahlung im Fernsehen für jede Menge Wirbel. Tierschutzverbände überschlugen sich geradezu mit Vorwürfen der Tierquälerei. So etwas dürfe man nicht ausstrahlen, etc. Gebracht haben die Proteste wenig bis gar nichts, gesendet wird der Spot tagtäglich in so ziemlich allen Werbeblöcken.

Doch warum eigentlich die ganze Aufregung? Man sieht in dem Werbespot zwei fleißige Handwerker, die gerade Bretter auf einer neuen Terasse/Veranda anbringen. Sie befestigen diese Bretter mit Schrauben.

Plötzlich jedoch wird das Tütchen mit den letzten Schrauben von einer Kuh verspeist. Die beiden Handwerker reagieren jedoch mit einer Mischung aus Überraschung und Schock - schließlich können ihre Hände ihr Werk ohne diese Schrauben nicht vollenden.

Was tun? Warten , bis die Kuh das unverdaute Schraubentütchen wieder freigibt? Wer in Biologie aufgepasst hat, weiß, dass Kühe im Inneren ihres Leibes mehrere Mägen besitzen - vier Stück, um genau zu sein. Der natürliche Weg würde den beiden Burschen, die in Gedanken mit Sicherheit schon das erste kühle Feierabendbier durch die staubige und ausgedörrte Kehle fließen ließen, dann vermutlich aber doch zu lange dauern. Ob Auftragsarbeit oder eigenes Bauherrenprojekt - eine solche stundenlange Unterbrechung ist für die beiden vollkommen inakzeptabel.

Was passiert? Der Blich der beiden (und durch eine entsprechende Kamerabewegung auch der der Zuschauer) fällt auf eine Kettensäge, mit der sie zuvor vermutlich die Terassenbretter auf Maß zugeschnitten hatten.

Dann blendet die Kamera über zu einer "Landschaftsaufnahme" des Hauses, an dem sich die Verande befindet und man hört das unverkrennbare Geräusch einer (Kreis-)Säge. Anschließend wird weider zu den beiden Handwerkern übergeblendet, die gerade die letzte Schraube im letzten Terassenbrett versenken. Von der Kuh mit ihren seltsamen Essgelüsten ist nichts mehr zu sehen. Es ertönt das Hornbach-typische Yippie-Yah und der Spurch "Es gibt immer was zu tun", wird angezeigt.

Was ist passiert? Man weiß es nicht, da man es nicht gesehen hat. Der Zuschauer interpretiert aufgrund verschiedener Signale (Kameraschwenk auf die Säge, Sägengeräusch aus dem Off? die Handlung jedoch so, dass die beiden Handwerker mit ihren Händen ein recht blutiges Werk verrichtet und die Kuh zersägt haben, um wieder an das Plastiktütchen mit den Schrauben zu gelangen.

Ob dies jedoch wirklich passiert ist, erfährt man nicht, da die Werbung an der entscheidenden Stelle ausblendet und eine Leerstelle lässt, die dann vom Zuschauer gefüllt wird. Comicautor- und theoretiker Scott McCloud bezeichnet dieses Verfahren, mittels dessen der Leser eines Comics den leeren Raum zwischen zwei Bildern/panels eines Comics, den sogenannten "gutter" oder "Rinnstein", mit Sinn füllt und so den erzählerischen Zusammenhang zwischen den Bildern herstellt, in seinem Buch Comics richtig lesen. Die unsichtbare Kunst als Induktion. An folgendem Beispiel erklärt er seine These:



Quelle: McCloud, Scott. Comics richtig lesen. Die unsichtbare Kunst. Hamburg: Carlsen-Verlag, 2001. S. 74.

McCloud hat das Verbrechen, den Mord, nicht gezeigt - nur angedeutet. Den Mord an sich hat der Leser mittels Induktion im gutter zwischen den beiden panels ausgeführt. Der Leser selbst hat zwischen den panels die erhobene Induktionsaxt in das Fleisch des Opfers sinken lassen.

Genau des gleichen Prinzips bedient sich auch die Hornbach-Werbung. Die Säge und das Geräusch werden gezeigt. Der Rest ist eine Leerstelle - statt der Landschaftsaufnahme, die letztendlich nichts anderes als ein filmtechnischer gutter ist, könnte auch ein schwarzes oder weißes Bild gezeigt werden, Effekt und grundlegendes Prinzip blieben weiterhin gleich.

Mit der Idee der Induktion im Hinterkopf erscheint die Kritik der Tierschutzverbände noch pathetischer als sie es ohnehin schon ist, denn schließlich wird nichts Tierquälerisches gezeigt. Der Moment, in dem womöglich eine Kuh getötet wird, da sie zwei Handwerkern bei der Erreichung ihres Zieles im Weg steht, erzeugt der Zuschauer per Induktion selbst.

Ob die Kuh jetzt wirklich portionsgerecht zerlegt wurde oder ob die beiden Arbeiter doch noch genügend Schrauben hatten und mit der Kettensäge lediglich ein weiteres Brett zurechtgesägt haben, lässt der Werbespot mit der Landschaftsüberblendung völlig offen. Und eine fiktive Kuh mit Hilfe von Induktion zu töten, ist keine Tierquälerei im Gegensatz zu Legebatterien und Stopfleberzüchtung.

Jedenfalls, Tierquälerei hin oder her, ist Induktion ein sehr interessantes Phänomen, dass uns auch im Alltag hilft, Zusammenhänge zwischen verschiedenen Dingen herzustellen. In Comics ist es geradezu gattungskonstituierend und im Film, wozu auch Werbespots gehören, taucht es manchmal eben auch auf.

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Mittwoch, 16. Juni 2010
GlotzGedanken: TV-Werbung... und ein wenig Horrorfilm-Theorie
Am 16. Juni 2010 im Topic 'GlotzGedanken'


Wie man schon in meinem ersten (richtigen) Blogeintrag lesen konnte, mag ich gut gemachte Werbespots, bei denen man merkt, dass sich die Verantwortlichen Gedanken über ihren Spot und dessen Aussage gemacht haben. Ein weiteres Paradebeispiel für gute Werbung möchte ich hier mit einem kurzen Abstecher in die Horrorfilm-Theorie bzw. -geschichte in Verbindung bringen.

Es geht um die aktuelle Werbung des Internet-Schuhversandhauses zalando.de, zu sehen hier.

Ein verstörter und paranoider junger Mann filmt sich mit einer Kamera selbst, das Bild fällt oft aus und er weist das Publikum auf die Gefahren hin, die entstehen, wenn Frauen zalando.de entdecken. Als der Postbote dann noch ein Mal klingelt, bricht er in hysterisches Angstgeschrei aus, während seine Freundin Freudenschreie von sich gibt.

Die Werbung funktioniert deshalb so gut, weil sie ganz bewusst eines der eher moderneren Mittel des Horrorfilms zitiert. Es handelt sich dabei um das Genre der sogenannten "found footage", etwa: gefundenes Filmmaterial, dass insbesondere durch The Blair Witch Project (1999) auch dem breiten Kinopublikum bekannt wurde, spätestens seit Cloverfield (2008) oder z.B. Quarantine (2008) dürfte es endgültig nicht mehr als Handwerkszeug moderner Horror-Regisseure wegzudenken sein.

Dadurch, dass das Filmmaterial den Anschein erweckt, von Laien mit einer normalen Handtaschenkamera gedreht worden zu sein, wirkt es besonders "echt" und "authentisch". Mal ist das Bild verwackelt, was man als "shaky cam" bezeichnet, mal ist alles unscharf, die Kamera womöglich sogar beschlagen, oder mit welchen Flüssigkeiten auch immer bespritzt.

Die Kamera zeigt immer die subjektive Sicht einer einzigen Figur und somit immer nur einen kleinen Ausschnitt des gesamten Geschehens, wodurch sie verwandt ist mit der Kategorie des personalen Erzählers in der Prosa-Analyse, der, z.B. in einem Roman, die Handlung ebenfalls nur aus seiner subjektiven und eingeschränkten Sicht wiedergibt. Einmal mehr zeigt sich hier die Verwandtschaft von Film und Prosa. Aber dies nur als Randbemerkung, hier geht es schließlich um Horrorfilme, nicht um Erzähltheorie.

Obwohl das Genre der "found footage" insbesondere in den letzten zehn Jahren besonders beliebt und erfolgreich ist, ist es doch schon 30 Jahre alt. Als Urvater des Genres gilt der Film Cannibal Holocaust (1980, auf Deutsch: Nackt und zerfleischt) von Regisseur Ruggero Deodato, in dem ein Anthropologe die Kamera eines Filmteams findet, auf deren Filmmaterial zu sehen ist, wie die vier Forscher auf brutalste Art und Weise von Kannibalen ermordert und zerfleischt werden. Unter Horrorfilmfreaks gilt die Pfählszene bis heute als einer der brutalsten aber auch besten Szenen überhaupt.

Der Film löste damals eine aus heutiger Sicht kaum zu fassende Kontroverse aus, die letztendlich sogar vor Gericht endete. Ruggero Deodato wurde beschuldigt, dass Material sei tatsächlich echt, die vier Schauspieler seien wirklich ermordet worden, er habe einen sogenannten "snuff film" gedreht. Ein Mordprozess begann. Dass Deodato mit den vier Schauspielern einen Vertrag abgeschlossen hatte, wonach sie sich ein Jahr lang in keinem Film, keiner Werbung oder einem anderen Medium zeigen durften, machte die Sache für ihn natürlich nicht leichter. Doch bevor der Prozess zu weit ausuferte, trommelte Deodato seine "Stars" zusammen, präsentierte dem Gericht die vier quicklebendigen Mimen und löste dann auch noch das Geheimnis hinter der berüchtigten Pfählszene auf. Damit gab sich das Gericht dann zufrieden, da damit bewiesen war, dass es sich bei aller Brutalität doch nur um ein Werk der Fiktion handelte. Wegen der im Film zu sehenden Gewalt gegen Tiere, die tatsächlich eigens für den Film getötet wurden, wurde der Film dann jedoch trotzdem beschlagnahmt bzw. indiziert, was erst 1984 wieder rückgängig gemacht wurde.

Die zalando.de-Werbung blickt also auf eine durchaus interessante und bewegte Vergangenheit zurück. Ob die Macher sich dieser bewusst sind, sei dahingestellt, ich persönlich würde jedoch vermuten, dass sie wohl eher nur die berühmten found-footage-Filme Blair Witch Project und Cloverfield und nicht den berüchtigten Underground-Streifen Cannibal Holocaust kennen und als Anspielung im Kopf hatten. Alles in allem ist es wirklich ein guter Werbespot, den man sich auch ruhig mehrfach anschauen kann.

Mehr zu Cannibal Holocaust (inkl. ein paar Bildern) gibt es hier zu lesen - zumindest für ganz Mutige. Einen, leider etwas kurz geratenen, Beitrag zum Genre der "found footage" gibt es bei Wikipedia ebenfalls und zwar hier.

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Sonntag, 30. Mai 2010
GlotzGedanken: TV-Werbungen und ihre "Tiefenstruktur"
Am 30. Mai 2010 im Topic 'GlotzGedanken'


Wer TV-Werbungen nicht einfach "wegzappt" oder zur wohlverdienten Pinkelpause nutzt, der kann bei näherer Betrachtung auch in etwas vermeintlich Simplem wie einem Werbespot durchaus interessante Tiefenstrukturen erkennen.

Beruf statt Job:

In einer Werbung für Überraschungseier der Firma Kinder(schokolade) Ferrero hat in den letzten Wochen und Monaten ein gewisses Detail immer wieder meine Aufmerksamkeit erregt und mich geradezu fasziniert. Der Direktor einer fiktiven Schokoladenfabrik, die sehr stark an die aus einem gewissen Buch des Schriftstellers Roald Dahl bzw. dessen beiden Verfilmungen erinnert, führt "der Direktor" mehrere Angestellte durch eben diese Fabrik und erklärt am Ende der Werbung, dass er seinen Beruf liebe. An sich ist diese Werbung nichts Besonderes. Aber für mich liegt das Besondere darin, dass der fiktive Direktor und damit auch die Autoren, die hinter dieser Werbung stecken, ganz bewusst das Wort "Beruf" benutzen. Und nicht das aus dem Englischen entlehnte "Job", dass das Wort "Beruf" immer mehr zu verdrängen scheint.

Zunächst einmal: ich habe als Anglist generell nichts gegen die Übernahme englischer Wörter in das Deutsche. Oft genug ist uns noch nicht einmal bewusst, dass Wörter wie etwa "Streik", "Keks" oder Schal" ursprünglich von ihren englischen Gegenstücken "strike", "cakes" oder "shawl" kommen. Doch bei den genannten Wörtern "Beruf" und "Job" besteht dann doch ein deutlicher Bedeutungsunterschied, der den Menschen gar nicht bewusst ist.

Die englische Redewendung "just a job to do" bedeutet im Deutschen etwa "jemand muss es halt machen". Es dürfte für jeden klar erkennbar sein, dass diese Redewendung eine deutliche negative Konnotation hat. Wenn dies dann auch noch in die Alltags- und insbesondere in die politische Sprache Einzug hält, dann geht damit eine Abwertung des bisherigen Begriffes "Beruf" einher. Mini-Jobs, Midi-Jobs, 1-€-Jobs, 400-Euro-Jobs. Aus ernsthafter Arbeit, die man gerne und aus Überzeugung ausübt, werden "Dinge, die jemand halt machen muss".

Umso erfreulicher ist die Tatsache, dass man sich gerade in der oftmals zu stark und zu starr anglisierten Werbewelt (man denke nur an den Douglas-Klassiker "Come in and find out", den bis heute kaum jemand sinngemäß richtig übersetzen kann) ab und an doch an den mitunter ganz erheblichen Bedeutungsunterschied zwischen englischen und deutschen Wörtern erinnert und lieber das sinngemäß Passendere aus der eigenen Muttersprache wählt.

Frauenmund tut Wahrheit kund:

Interessant ist ebenfalls eine Werbung der Sparkasse, in der sich der Vorstand/Aufsichtsrat der fiktiven und mit einem sprechenden Namen versehenen 08/15-Bank trifft und über Mittel zur Behebung des enormen Kundenverlustes berät.

Einer der vielen grauen Männer aus der Runde bringt den Vorschlag mit dem Verteilen bunter Fähnchen, der vom Rest der Versammlung einigermaßen zustimmend zur Kenntnis genommen wird. Dann kommt der große Auftritt der einzigen Frau in der Runde, die vorschlägt, die Sparkassen und deren Erfolgsrezept nachzuahmen, was zunächst noch auf Wohlwollen stößt, dann aber doch schnell wieder abgelehnt wird, als erkennbar wird, wie hoch sowohl der finanzielle als auch der personelle Aufwand dieses Vorschlages sind.

Zwar "siegt" in diesem Spot vordergründig ein Mann mit einem geradezu naiv-dümmlichen Vorschlag, eigentlicher Sieger ist jedoch die einzige Frau der Runde, die mit einem guten Vorschlag beim Zuschauer punkten kann. Bei näherem Betrachten, insbesondere aus der Gender-Perspektive, fällt einem dann auf, dass es durchaus interessant ist, dass der vernünftigste und beste Vorschlag von einer Frau, noch dazu der einzigen des Aufsichtsrates kommt.

Gerade in einer Zeit, in der erfreulicher Weise auch in der Öffentlichkeit wieder über Frauenquoten für Führungsgremien der Wirtschaft sowie "equal pay", also gleiche Bezahlung von Frauen und Männern für gleiche Arbeit, diskutiert wird, spiegelt dieser Werbespot die tatsächlich vorherrschende Situation in deutschen Aufsichtsräten auf eine wirklich gelungene Art und Weise wieder. Frauen sind dort nämlich kaum und wenn, dann wie im TV-Spot, meist nur als Einzelkämpferinnen unterwegs und können sich aus dieser schwachen Position heraus selbst mit guten Vorschlägen nur schwer gegen ihre männlichen Kollegen durchsetzen. Insofern stellt der Werbespot auch eine interessante Parabel über die Struktur deutscher und internationaler Aufsichtsräte dar, denen etwas mehr Frauenpower ganz bestimmt sehr gut tun würde.

Fazit:

Es zeigt sich, dass eine genauere Betrachtung manches Werbespots durchaus interessante Tiefenstrukturen zu Tage fördern kann. Werbung kann mitunter also doch intelligenter und besser sein als ihr Ruf.

EDIT:

Von Twitter-User saarlandundmehr ( http://twitter.com/saarlandundmehr ) gab es noch ein paar Ergänzungen, die ich hier gerne anfügen möchte:

saarlandundmehr: "Ich meine mich zu erinnern, dass der Schoko-Direktor in einer frühen Fassung des Spots mal vom Job sprach."

saarlandundmehr: "Für schlechte Jobs hat sich im Englischen übrigens der "McJob" durchgesetzt - sehr zum Mißfallen einer gewissen Fastfood-Kette."

saarlandundmehr: "Und zum grandiosen Sparkassen-Spot fällt mir nur noch das hier ein: http://youtu.be/92C3Qwsduzw :-D #fdp"

Wenn das stimmen sollte, dass in dem Spot zunächst tatsächlich "Job" statt "Beruf" benutzt wurde, würde das meine These mit der Tiefenstruktur ja untermauern, da dann offensichtlich auch bei den Verantwortlichen jemand den Bedeutungsunterschied bemerkt hat.

Zum Extra3-Spot über die "Fähnchen-Dreh-Partei" muss man nicht mehr allzu viel sagen - gelungene Satire, wie immer.

EDIT2:

mwanke ( http://twitter.com/mwanke ) hat mich bei Twitter darauf hingewiesen, dass die Schokofirma natürlich Ferrero heißt und "Kinder" nur ein Markenname ist. Vielen Dank dafür!

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